fast ein Schuljahr lang beschäftige mich ein kleiner Junge im Kindersport mit seinem Leiden. Alles begann damit, dass er mir im vorbeigehen sagte, er hätte einen Herzfehler und bekäme deshalb keine Luft. Es nahm Asthmaspray, wenn ihm die Luft nach den schnellen Lauf ausging. Es brach förmlich auf dem Weg zu seinem Medikament zusammen und lag erst mal am Boden. Sowas darf ich als Trainer nicht unbeachtet lassen und so betreute ich den Kleinen nach jedem Zusammenbruch, bis er seine Atemnot überwand, während meine Kollegin das Training weiterleitete Hatte sich der Kleine wieder erholt, schoss er aber wieder los und warf sich ins Kindergetümmel.

Seine Zusammenbrüche während der Sportstunde nahmen zu und ich musste mehrfach mit ihm vor die Hallentür gehen, damit er sich wieder erholen konnte. Ich machte mir um ihn Sorgen wie um meine eigenen Sohn, konnte mir aber nicht vorstellen, dass mit dem Stand der Dinge der ärztlichen Möglichkeiten das Ende seiner Fahnenstange an Lebensqualität schon erreicht waren. Ich rang mit mir, denn ich hätte ihm gern geholfen, aber wie? Ich sah nur eine Möglichkeit. Mein Schwager ist ein bekannter Herzchirurg, der auf Kinderherzen spezialisiert ist. Warum den Kleinen mal nicht einen anderen Facharzt vorstellen?

Als ich mich endlich dazu durchgerungen hatte, wollte ich dem Vater den Hinweis auf den bekannten Herzchirurgen geben. Doch der Vater blockte mich vorher schon ab. „Mein Sohn hat nichts mit dem Herzen, er bekommt „nur“ keine Luft“ Sein Sohn widersprach, doch auch den Sohn blockte der Vater sofort ab. Verdutzt und mit tausend Fragezeichen im Kopf brach ich das Gespräch ab. Ich fragte mich aber, ob die Eltern des Kleinen uns ein Herzleiden ihres Sohnes verheimlichen wollten. Er wurde als ein „nur“ am Asthma erkranktes Kind avisierte. Ich konnte mir aber auch keinen Reim darauf machen, warum uns die Eltern dies verheimlichen sollten. Auch behauptete der Vater , sein Sohn würde nur in der Sporthalle zusammenbrechen, ansonsten springt er wie alle anderen Kinder wild rum, ohne dass es zu dramatischen Zusammenbrüchen kommt und schon gar nicht wie ich die Zusammenbrüche 3- 4 viel mal in einer Trainingseinheit erlebte. Es wurde nach dem kurzen Gespräch noch rätselhafter für mich.

Nachdem ein anderes Kind uns erzählte. dass der Kleine während er am Boden lag, für einen kurzen Moment verschmitzt lächelte, wunderten meine Kollegin und ich uns ein weiteres mal. Man konnte förmlich die Fragezeichen auf unseren Köpfen tanzen sehen. Er lag so oft filmreif am Boden, hielt dabei eine Hand an seinem Herzen, wenn ich ihn nach einem Zusammenbruch vorfand. Ich hob ihn genau so oft vom Boden auf und ging unter den Armen gestützt und mit eingeknickten Beinen mit ihm vor die Sporthalle. Dort schnappte er dann heftig nach Luft und erholte sich wieder. Wir baten den Kleinen in einem kurzen Gespräch, er sollte uns nur um Hilfe bitten, wenn er sie auch wirklich benötigt. Und wir sprachen noch einmal mit den Eltern.

Seit dem kippt der Kleine nicht mehr aus den Latschen und muss auch nicht mehr nach jeder Anstrengung an die frische Luft geführt werden. Er läuft und springt mit der Ausdauer eines fast gesunden Kindes 90 Minuten durch die Sporthalle, ohne auch nur einen einzigen klitzekleinen Schwächeanfall. Die tanzenden Fragezeichen schwirren noch immer um meinen Kopf, trotz der Klarheit, die ich nun endlich gewonnen habe.

Dieser kleine Schlingel hat sich nach seinen Regeln der Kunst von mir während der Zeit fürsorglich bemuttern lassen und wusste genau, wie er meine fürsorgliche Aufmerksamkeit bekommen konnte. Meine Kollegin und ich konnten es aber auch verstehen und mit einem schmunzeln nachvollziehen. Auch wenn er „nur“ keine Luft bekommt, ist Asthma etwas dramatisches, auch wenn alle so tun, er hätte nur einen leichten Schnupfen.

7 Kommentare zu „dieser Schlingel

  1. Ja, er brauchte wohl die Aufmerksamkeit. Ich habe mal in einem Heim für Kinder mit einer Behinderung gearbeitet. Sie hatten alle ihre Tricks, wie sie Aufmerksamkeit bekommen – aber so eine glaubwürdige Darstellung, das ist schon ziemlich speziell.

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    1. Hallo Frau Frogg,
      ja..der Kleine hatte es wirklich drauf. Ein gutes Schuljahr ließ er sich von mir betuddeln. Aber ich konnte es verstehen.
      Es ist ja auch nicht so leicht, mit einer Behinderung zu leben, auch wenn man ihnen sagt, dass die genau wie die anderen wären. Das einzig „gute“ ist, dass Kinder es oft nicht anders kennen.
      Ich war natürlich froh, dass es dem Kleinen nicht so hart getroffen hatte, wie er es mir glauben machen wollte. 😀

      LG Ostseemaus

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        1. Ich kann mir vorstellen, dass er mit seiner Asthmaerkrankung in der Familie wenig Aufmerksamkeit bekommt („…er kriegt nur keine Luft…“) und so hat er sie sich bei mir geholt. Was ich gut nachvollziehen kann. Er ist ein Kind und Asthma ist immer eine Bedrohung. So hat er das volle Programm von mir einfach mitgenommen.
          Trotzdem bin ich erleichtert, dass es um den Kleinen nicht so schlimm steht, wie er mir vorgespielt hat. D)

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