Nur noch Erinnerung

Es gibt Nachrichten, da ist es egal, wann sie einen erreichen. Sie werden nie auf den perfekten Zeitpunkt treffen. Egal, ob im laufenden Alltag, oder kurz vor dem Weihnachtsfest. Das Leben kennt keinen perfekten Zeitpunkt, Leben kennt nur den Lauf der Dinge, dem es unaufhörlich folgen muss, ohne Rast und ohne Ruh. Das Leben geht weiter und weiter, als wäre nichts geschehen. Ich gehe am Ende des Tages zu Bett und stehe am nächsten Morgen wieder auf, ganz selbstverständlich, für mich selbstverständlich. Doch ist das Selbstverständliche immer selbstverständlich?

Nur noch

  • ein paar Stunden und Weihnachten 2020 ist vorüber
  • 6 Tage und das Jahre 2020 ist Geschichte
  • 6 Monate und 12 Tage und ich werde schon wieder ein Jahr älter. Auf die Zahl, die mein Alter ziert, mag ich schon lange nicht mehr schauen
  • 14 Tage und stehe am Grab eines jüngst verstorbenen Familienmitgliedes

 

mein Cousin – der 2. Junge von rechts

Ich gehe, seit ich die Nachricht über seinen Tod erhielt, weiter jeden Abend zu Bett und beginne jeden Tag neu, mache Pläne für den Tag und für die Zukunft. Nur mein Cousin wird nicht mehr aufstehen, er kann seit dem 17. Dezember 2020 liegen bleiben und alles, was das Leben ausmacht, ohne ihn geschehen lassen. Er hat es hinter sich gebracht, das Leben. Nicht der Tod  hat ihm Angst gemacht, sondern das Sterben und das Warten darauf. Das Leben ist gnadenlos. Wenn es einen loslassen will, kann man seine Absicht nicht mehr durchkreuzen. Es lässt die Menschenseele ohne Hülle zurück, sie schwebt dann frei im Raum und friert, ohne Fähigkeit, mit der zurück gebliebenen Welt zu kommunizieren.

Alle frieren. Die, die gehen mussten, die die geblieben sind. Es wird still und der Mensch bleibt nur eine Erinnerung in den Köpfen, denen er nahestand. Auf dem Bild ist er mit Gleichaltrigen des Dorfes zu sehen, in dem wir aufgewachsen sind.

Meine Erinnerung an meinen Cousin ist eine intensive Zeit aus unseren Kinderjahren. Mir waren damals die Mädchen wegen ihrer Zickerei zu anstrengend. Mein Cousin war zwar kein Weichling, aber schon zu Kinderjahren zu nachdenklich und fand niemanden als wirklichen Freund. Also taten wir uns zusammen. Durchstreiften gemeinsam die umliegenden Waldgebiete. Brachten Eimerweise Walderdbeeren und Himbeeren nach Haus. Unsere Eltern kamen nicht mehr nach, um alle die Früchte zu konservieren. Und, das ist wirklich unvergesslich für mich, wir pflanzten zusammen einen Baum. Mit viel Mühe gruben wir einen jungen Kirschbaum im Wald aus und setzten ihm im Garten seiner Eltern wieder ein. Cool…wir pflatzen zusammen einem Baum. Das ist das, was sich bis heute in meinen Kopf fest verankert hat.

Unsere gemeinsamen Wege trennten sich, doch wenn wir uns trafen, philosophierten wir Nächte lang über Gott und die Welt. Er hatte keine Ansprüche ans Leben, schon gar keine materiellen. Daher führte er ein bescheidenes Leben, was die Macher in der Familie nur den Kopf schütteln ließ. Ich kann mit Fug und Rechts sagen, das ich zu den wenigen in der Familie zähle, die mit seiner Lebensform kein Problem hatte.

Das letzte Mal traf ihn meinen Cousin, als wir seinen Vater zu Garbe trugen. Das ist erst ein paar Jahre her. Meine Zeit war damals knapp und wir wechselten nur ein paar Sätze vor der Feierhalle auf dem Friedhof. Und da war es wieder, das Leuchten in seinen Augen, wenn er über das Leben sprach. Und wieder ging jeder in sein Leben zurück. Nur kurze Zeit später erfuhr ich von seiner verheerenden Diagnose, die ein Auf und nieder von Hoffnung und Verzweiflung nach sich zog. Am 8. Januar werde ich am selben Platz sein, an dem wir uns das letzte Mal sahen und nur ich werde in mein Leben zurückkehren.

Am Tages seines Todes sah ich ihn aber doch noch einmal. Aber nicht real. Ich lag im Bett, schlief aber nicht. Ich kann nicht mal sagen, ob meine Augen schon geschlossen waren. Mein Cousin stand vor dem Haus, in dem er sein Leben verbrachte und legte die Hand auf die Türklinke, als er zu mir rüberschaute. Er trug ein hellblaues Hemd und war in seinen Körper aus besseren Jahren zurückgekehrt. Noch einmal sah ich sein Leuchten in seinen Augen, dasselbe Leuchten, wie bei unserer letzten Begegnung. Er hatte sich auf seine Weise von mir verabschiedet.

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