Über die Brücke

Heimat bliebt Heimat und deshalb schlägt mein Herz immer höher, wenn ich wieder mal in Richtung Heimat fahre – auf die Insel Rügen. Wir Rüganer hatten damals noch einen anderen Namen für unsere Insel, wir nannten sie Rhabarberinsel. Warum? Das weiß der Teufel. Vielleicht, weil die Insel auf der Landkarte was von einem Rhabarberblatt hatte?

Als meine Eltern dort noch lebten, fuhr ich oft auf der Insel. Man kann es kaum glauben, aber keine noch so schöne Auslandsreise konnte in mir eine solche Vorfreude entfachen, wie die, wenn ich von Rostock auf die Insel fuhr, zu meinen Eltern. Auf der Strecke von Rostock nach Bergen/Rg. gab es markante Punkte, die meine Vorfreude weiter stiegen ließen. Stralsund, die vorletzte Station vor dem Rügendamm-Bahnhof, darauf folge der Rügendamm. Ich konnte es kaum erwarten, das Festland zu verlassen und über die Brücke auf die Insel zu fahren. Von dort aus waren es nur noch eine kurze Fahrzeit bis ich in Bergen auf Rügen aussteigen konnte. Ich war angekommen und hatte entspannte Tage im Elternhaus vor mir.

Aber das ist schon lange her. Nun fahre ich nur noch hin, wenn es jemand zu bestatten gibt. Und am 8. Januar war es wieder so weit. Mein Cousin, der kurz vor Weihnachten verstarb, wurde in seinem Heimatdorf beigesetzt, unter Corona- Bedingungen. Obwohl ich solch einem Tag lieber ferngeblieben wäre, sollte er doch ohne mich nicht stattfinden. Ich wollte meinen Cousin auf seinen letzten Weg begleiten. All die markanten Punkte, die ich im vorherigen Absatz beschrieb, ließen auf dieser Reise meinen Magen flauer werden. In Samtens wollte mein Bruder auf mich warten und wir würden gemeinsam zum Friedhof fahren.

Es durften ja nur 20 Trauergäste zur Trauerfeier kommen. So konnte nur der engste Kreis sich von meinem Cousin verabschieden. Kurz vor 14 Uhr erreichten wir den Friedhof. Aus dem Auto machte ich auf die Schnelle ein Foto vom Friedhofsgelände. Der Friedhof liegt auf einer Anhöhe mit Blick auf den Kleinen Jasmunder Bodden.

Nach kurzer Zeit hatten sich alle Trauergäste eingefunden. Ich hatte Mühe, sie zu erkennen. Sie trugen wie ich eine Maske, alle in dicke Wintersachen eingehüllt, mit dicken Schals und Mützen, die tief ins Gesicht gezogen wurden. Verstohlen sahen wir uns kurz in die Augen. Keine Umarmung, kein Trost und die Tränen verschwanden hinter dem Mundschutz. Die Feierhalle – weißes Gebäude auf dem Bild zu sehen – wurde nicht geöffnet. Wir versammelten uns vor dem Eingang und im Vorflur war die Urne aufgestellt und mit Bild, Blumen und Kerzen angemessen gestaltet.

Jemand von den Trauergästen nahm seine Trompete zur Hand und spielte für meinen Cousin ein letztes feierliches Ständchen. Er hielt anschließend auch die Trauerrede. Später erfuhr ich, es war sein bester Freund, den er schon zig Jahre kannte. Das war sehr persönlich und ging mir vielleicht deshalb besonders nahe. Er begann: „Du warst ein ewig suchender. Vielleicht hast du gar nicht mehr gewusst, wonach du suchst“ setzte er fort und beschrieb die Zeit, wie sie sie als Freunde verbracht haben und was sie all die Jahre zusammenhielt. Anschließend bat er uns Trauergäste, die Trauerrede mit eigenen Worten, wenn er wollte, zu vollenden

So sprach jeder am offenen Grab zu meinem Cousin. In mir stieg die Spannung. Das hatte ich noch nie getan, am offenen Grab mit dem Verstorbenen sprechen. Bisher hatte ich mich von meinen Lieben immer im stillen Gedenken verabschiedet. Ich war fast der Ohnmacht nahe, als ich am Grad stand und zu meinem Cousin sprach: „Wir haben zusammen einen Baum geplatzt. Das habe und werde ich nie vergessen“ Ich konnte nicht glauben, dass mein Cousin in der Urne lag, die ich tief versenkt im Boden sah. Bevor meine Knie weich wurden, warf ich ihm die Rose zu, dich ich mitgebracht hatte, eine Handvoll Erde und machte Platz für den nächsten Trauergast.

Jeder verabschiedete sich mit persönlichen Worten von ihm. Anschließend schickte sein Freund noch ein weiteres Ständchen auf seiner Trompete für ihn in den Himmel und die Trauergemeinde löste sich auf. Ich denke, dieser Ablauf ganz nach dem Geschmack von meinem Cousin, denn auf dem Heimweg sah ich wieder ein Zwinkern in seinen leuchtenden Augen. Und das ist auch das, was bei mir für immer in Erinnerung bleibt.

Doch so ganz vorbei ist das Trauerspiel in unserer Familie nicht. Nur 7 Tage nach meinem Cousin verstarb unsere Cousine und die nächste Beisetzung ist in Kürze

4 Kommentare

    • Hallo Grinsekatz,
      danke für dein Mitgefühl. Ja..so was ist immer traurig, besonders wenn man noch nicht dran war. 20 Jahre Lebenszeit – gemessen an dem Alter seiner Eltern – hätte mein Cousin noch für sich nutzen können. Die waren ihm nicht vergönnt.
      Pass auf deine Lieben und d ich und deine Gesundheit auf

      LG Ostseemaus

      Gefällt 1 Person

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