Das geht ans Herz

Als hätte sie sich dazu verabredet, alle auf einmal schwer zu erkranken, kam nun auch mein Bruder dazu. Unser Cousin/unsere Cousine waren grade beigesetzt, als mein Bruder mir eine Nachricht aus dem Krankenhaus schrieb. Am Vormittag sei er endlich beim Hausarzt gewesen und der hätte ihn als Notfall ins Krankenhaus einweisen lassen. Diagnose – fast tot. Nur noch 3 Bypässe könnten sein Leben retten, also wurde er weiter in eine Spezialklinik überwiesen. Nach 3 Tagen Verzögerung schob man ihn eine Woche später in den OP-Saal. Zum Abschied bekamen seine beiden Schwestern ein Selfie von Ihm im Liegen aus dem Krankenbett, auf dem er uns zuwinkte „Bis später“

„Er sieht blass und verletzlich aus“ ging mir durch den Kopf und fortan bangte ich um sein Leben. 5 Stunden Operation standen ihm bevor. Ich erinnerte mich an unsre letzte persönlich Begegnung. Wir verabschiedeten uns von unserem gemeinsamen Cousin R… bevor es zu seiner letzten Reise in den Himmel ging. „Bis bald“ waren letzten Worte meines Bruders an R.. Sie beide waren in ihrer Sturm-und-Drang-Zeit enge Freunde. Und dass sein Freund schon so früh starb, nahm meinen Bruder sichtlich mit.

Auf den Heimweg erzählte mein Bruder mir, dass es ihm auch nicht so gut ginge und ihn nach wenigen Schritten oft die Luft knapp wurde. Er arbeitet auf Baustellen und wer ihm dabei zusah, sah einen Bauarbeiter-Roboter. Aber er hätte noch keine Zeit gehabt, deshalb den Arzt aufzusuchen. Mir fiel mein Unterkiefer runter, weil ich nach der Schilderung seiner Symptome erkannte, dass für meinen Bruder die absolute Gefahr in Verzug war. Ich redete auf ihn ein, er müsse dringendst zum Arzt müsse, sonst gäbe es in unserer Familie ein weiteres Trauerspiel.

Mit einem Rucksack voller Trauer um R. fuhr ich damals auf die Insel Rügen und mit einem Rucksack voller Sorgen um meinen Bruder fuhr ich wieder heim. Es sollte noch ein paar Wochen dauern, bis mein Bruder dann wirklich zum Arzt ging. Die Kacke war schon richtig am Dampfen. In seinem Herzen ging fast nichts mehr. Nur noch die ärztliche Kunst konnte sein Leben noch retten und zum Glück tat sie das. Die OP verlief gut und er bekam sein zweites Leben, mit dem er nun wieder weit in die Zukunft schauen konnte.

Aber zur Reha wollte mein Bruder nicht. Da war er wieder, mein sturer Bruder. Nur für die Zeit der Operation war er bereit, sich von seiner Frau zu trennen. Wenn er gekonnt hätte, wäre er im OP-Hemd und nackten Hinterteil sofort zu seiner Frau gelaufen. Ohne seine Frau geht bei meinem Bruder nichts 😁, ihm schmeckt weder der Kaffee noch das Essen.

Mein Bruder musste sich gedulden. Im OP-Hemd und nicht nacktem Hinterteil wollte seine Frau ihn nicht haben. Er musste schon offiziell entlassen werden. Seine Frau ist gelernte Altenpflegerin in Spe und würde sich um ihren Mann anschließend kompetent kümmern können. Meine Schwester und ich, wir stellten fest, dass seine Frau wohl die beste Rehamaßnahme für unseren Bruder war. Seine Mobilität nahm in ihrer Obhut stetig zu und 4 Wochen nach der großen Herz-Op bastelt er nun schon wieder in seinem Hobbyraum. Nur noch wenige Monate und er kann wieder als Bauarbeiter-Roboter seinem Handwerk nachgehen.

Mein Bruder war grade so dem Tod von der Schippe gesprungen. Aber der Himmel kann auf ihn noch warten.

Nur noch Erinnerung

Es gibt Nachrichten, da ist es egal, wann sie einen erreichen. Sie werden nie auf den perfekten Zeitpunkt treffen. Egal, ob im laufenden Alltag, oder kurz vor dem Weihnachtsfest. Das Leben kennt keinen perfekten Zeitpunkt, Leben kennt nur den Lauf der Dinge, dem es unaufhörlich folgen muss, ohne Rast und ohne Ruh. Das Leben geht weiter und weiter, als wäre nichts geschehen. Ich gehe am Ende des Tages zu Bett und stehe am nächsten Morgen wieder auf, ganz selbstverständlich, für mich selbstverständlich. Doch ist das Selbstverständliche immer selbstverständlich?

Nur noch

  • ein paar Stunden und Weihnachten 2020 ist vorüber
  • 6 Tage und das Jahre 2020 ist Geschichte
  • 6 Monate und 12 Tage und ich werde schon wieder ein Jahr älter. Auf die Zahl, die mein Alter ziert, mag ich schon lange nicht mehr schauen
  • 14 Tage und stehe am Grab eines jüngst verstorbenen Familienmitgliedes

 

mein Cousin – der 2. Junge von rechts

Ich gehe, seit ich die Nachricht über seinen Tod erhielt, weiter jeden Abend zu Bett und beginne jeden Tag neu, mache Pläne für den Tag und für die Zukunft. Nur mein Cousin wird nicht mehr aufstehen, er kann seit dem 17. Dezember 2020 liegen bleiben und alles, was das Leben ausmacht, ohne ihn geschehen lassen. Er hat es hinter sich gebracht, das Leben. Nicht der Tod  hat ihm Angst gemacht, sondern das Sterben und das Warten darauf. Das Leben ist gnadenlos. Wenn es einen loslassen will, kann man seine Absicht nicht mehr durchkreuzen. Es lässt die Menschenseele ohne Hülle zurück, sie schwebt dann frei im Raum und friert, ohne Fähigkeit, mit der zurück gebliebenen Welt zu kommunizieren.

Alle frieren. Die, die gehen mussten, die die geblieben sind. Es wird still und der Mensch bleibt nur eine Erinnerung in den Köpfen, denen er nahestand. Auf dem Bild ist er mit Gleichaltrigen des Dorfes zu sehen, in dem wir aufgewachsen sind.

Meine Erinnerung an meinen Cousin ist eine intensive Zeit aus unseren Kinderjahren. Mir waren damals die Mädchen wegen ihrer Zickerei zu anstrengend. Mein Cousin war zwar kein Weichling, aber schon zu Kinderjahren zu nachdenklich und fand niemanden als wirklichen Freund. Also taten wir uns zusammen. Durchstreiften gemeinsam die umliegenden Waldgebiete. Brachten Eimerweise Walderdbeeren und Himbeeren nach Haus. Unsere Eltern kamen nicht mehr nach, um alle die Früchte zu konservieren. Und, das ist wirklich unvergesslich für mich, wir pflanzten zusammen einen Baum. Mit viel Mühe gruben wir einen jungen Kirschbaum im Wald aus und setzten ihm im Garten seiner Eltern wieder ein. Cool…wir pflatzen zusammen einem Baum. Das ist das, was sich bis heute in meinen Kopf fest verankert hat.

Unsere gemeinsamen Wege trennten sich, doch wenn wir uns trafen, philosophierten wir Nächte lang über Gott und die Welt. Er hatte keine Ansprüche ans Leben, schon gar keine materiellen. Daher führte er ein bescheidenes Leben, was die Macher in der Familie nur den Kopf schütteln ließ. Ich kann mit Fug und Rechts sagen, das ich zu den wenigen in der Familie zähle, die mit seiner Lebensform kein Problem hatte.

Das letzte Mal traf ihn meinen Cousin, als wir seinen Vater zu Garbe trugen. Das ist erst ein paar Jahre her. Meine Zeit war damals knapp und wir wechselten nur ein paar Sätze vor der Feierhalle auf dem Friedhof. Und da war es wieder, das Leuchten in seinen Augen, wenn er über das Leben sprach. Und wieder ging jeder in sein Leben zurück. Nur kurze Zeit später erfuhr ich von seiner verheerenden Diagnose, die ein Auf und nieder von Hoffnung und Verzweiflung nach sich zog. Am 8. Januar werde ich am selben Platz sein, an dem wir uns das letzte Mal sahen und nur ich werde in mein Leben zurückkehren.

Am Tages seines Todes sah ich ihn aber doch noch einmal. Aber nicht real. Ich lag im Bett, schlief aber nicht. Ich kann nicht mal sagen, ob meine Augen schon geschlossen waren. Mein Cousin stand vor dem Haus, in dem er sein Leben verbrachte und legte die Hand auf die Türklinke, als er zu mir rüberschaute. Er trug ein hellblaues Hemd und war in seinen Körper aus besseren Jahren zurückgekehrt. Noch einmal sah ich sein Leuchten in seinen Augen, dasselbe Leuchten, wie bei unserer letzten Begegnung. Er hatte sich auf seine Weise von mir verabschiedet.

Wohin geht die Reise ?

Das Karl Dall die Welt so plötzlich verlassen musste, damit hatte vermutlich kaum jemand gerechnet. Oh mein Gott, wie schnell der Tod einen Menschen doch heimsuchen kann. Ein schwacher Trost – Karl musste nicht leiden. Ich denke, jeder würde sich solchen einen schnellen Abgang wünschen. Ich jedenfalls würde diesen Wunsch definitiv auf meine Löffelliste setzten. Zumindest ist jetzt ein Spaßvogel mit seiner Reise im Promi-Himmel gelandet und die Engel haben nun was zu lachen.

Uns hat er ja auch viele spaßige Momente im Laufe der Jahre zurückgelassen, wie z.B. damals seinen Blödelgesang zusammen mit „Insterburg &Co.„, den wohl auch fast jeder kennt. Damals sah ich Karl das erste Mal im TV und dieser Auftritt von ihm bliebt bis heut in meinem Gedächtnis. Mehr Eigenwerbung geht für einen „Hit“ nicht. Noch heute kann ich über seinen uneitlen Auftritt lachen. 😂😂😂😂

Weniger zu lachen ist, das das Virus weiter unser Leben bestimmt und ich denke, das wir uns bis zum Sommer 2021 damit noch rumschlagen müssen. Wir Mecklenburger sind noch nicht so sehr davon überschwemmt, wie der Süden des Landes. Auf der Karte vom RKI sieht Deutschland auf dem Handy aus, als würde Deutschland im Fieber liegen. Tief dunkelrot der Süden und orange der Norden. Ich äußere einfach meine Vermutung, warum das „Fieber“ trotz Lockdown steigt. Bauen die Coronaleugner die Brücken für das Virus, die von Mensch zu Mensch geht? Das war bei mir nur so ein Gedanke, als man in den Nachrichten eine Demo von Querdenkern zeigte, die ohne Mundschutz und Anstand unterwegs waren. Natürlich ist das eine Unterstellung, aber ich wollte nur meine Vermutung äußern.

Dass wir Menschen für Pandemien wie die, die wir grade erleben, mitverantwortlich sind, wurde mir noch mal deutlich bewusst, als ich vor 3 Tagen Prof. Stefan Schaltegger in der abendlichen NDR-Sendung „DAS folgte. Er sprach von Zoonosen, d. h. ein Virus springt von Tier auf Mensch über, und ebenso kann das Virus von Mensch wieder auf das Tier überspringen und wieder zurück. Das Virus muss sich anpassen, also verändert es sich fortlaufend. Soviel zur Theorie.

Zu 2/3 tragen wir Menschen – so seine Erkenntnis – dazu bei, dass das Virus immer wieder unser Leben bedrohen kann.

  • Wir holen das Virus
    • Damit erwähnte er u.a. die Wildtiermärkte.  
  • Wir gehen zu den Viren
    • Beispiel..Urbarmachung von Sümpfen oder dichten (Ur)Wäldern, auf denen anschießend auch Nutztiere gehalten werden
  • Wir schaffen die Viren
    • Massentierhaltung, wie wir sie kennen. Tiere, wie Schweine und Kühe werden im unnatürlichen Raum gehalten und mit unnatürlichem Futter ernährt. Damit werden Brutherde für Krankheitserreger geschaffen, die unser Leben ebenfalls bedrohen können. 

Ich habe keine Probleme, diesen Argumenten zu folgen – ich bin auf dem Lande groß geworden – und sehe daher unsere Zukunft in einer Vision, die deutlich anders ist, als sie heute noch die Wirtschaftsbosse sehen. Mehr, Höher, weiter und und und. Die Superlative über die Superlative, bis nichts mehr geht.

Unser Konsumverhalten muss wieder gesünder werden. Nicht nur für uns Mensch, sondern auch für die Natur, dann lenkt auch die Wirtschaft ein und damit haben wir als Verbraucher auch unsere Zukunft in der Hand. Das ist unser bescheidener aber nicht unbedeutender Beitrag, den wir für unsere Zukunft und damit für unsere Nachkommen leisten können.

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