Tag und Nacht

45. Tag seit der Maßnahme

  • Tag und Nacht.
  • Tag und Nacht.
  • Tag und Nacht.
    • keine Termine
      • keine Verpflichtungen

An solch ein eintöniges Leben kann ich mich nicht erinnern. Vielleicht sah mein Leben als Baby mal so aus.

Wie doch alles aus dem Gleichgewicht gerät. Viele Menschen müssen jetzt knüppeln, bis „der Arzt kommt“, andere wieder müssen zu Hause die Zeit, die Corona uns aufdiktiert, absitzen. Gestern wusste ich nicht auf Anhieb, in welchen Wochentag ich mich hineingeschlafen hatte. Lagerkoller? Ach ja, gestern war Mittwoch, also ist heute Donnerstag. Es verschwimmen bei mir zwar nicht Tag und Nacht, aber die Wochen verschwimmen zu einem riesigen Batzen Freizeit, mit dem ich nicht immer gleich weiß, was ich damit anfangen soll.

Ich könnte doch dies, oder das machen, oder doch lieber das andere? Wollte ich nicht endlich mal alle meine Bücher lesen, die sich in meiner Wohnung schon in zwei Regalen stapeln? Und, was ist mit dem Zeichnen? Zentangle hatte ich mir angeeignet und jetzt wäre genug Zeit dafür. Aber der Mund-Nasen-Schutz will auch noch genäht werden. Einer wird nicht reichen. Oder soll ich besser den Mundschutz kaufen?. Seit heute sollen LIDL Und Aldi Süd Einweg-Schutzmasken zum Selbstkostenpreis im Verkauf haben. Aber Schutzmasken nach einmaligen Gebrauch wegwerfen? Ich glaube, ich entscheide mich besser doch wieder zu dem selbstgenähten Exemplar aus ausgediehnten Bettlaken. Den Nähplatz hatte ich ja schon eingerichtet.

Zum Glück bleib die Natur im Bewegung

Telefonitis

„Die Deutschen telefonieren wieder mehr“ so die Schlagzeile im Videotext, den ich gestern las. Dem kann ich nur zustimmen. Ich kann gar nicht sagen, wieviel Stunden ich in den letzten Tagen telefoniert habe, aber gestern kam ich auf 6 Stunden. Nicht am Stück, sondern auf den Tag verteilt.

Um die Mittagszeit meldete meine Enkeltochter sich bei mir über FaceTime und hielt mir gleich ihren umfangreichen Fragezettel ihrer Schule in die Kamera – Überschrift: Himmelskunde. Erste Frage: Was ist ein Zenit? Zweite Frage: Was ist Nadir? Also den Zenit konnte ich mir noch aus den Ärmel schütteln, aber den Nadir hatte ich nicht mehr auf den Schirm. Aber Wikipedia hat mir weiter geholfen. Damit die Schulkinder die halbe Wiki nicht abschreiben, sollen sie eigene Worte dafür finden. Nächste Frage: „Was ist ein geozentrisches Weltbild und was ein heliozentrisiches Weltbild?“ Cool…ich war gestern ganz gut in der Weiterbildung von Astronomie unterwegs. Guter Nebeneffekt. Grade was die unterschiedlichen Weltbilder betrifft, sie lassen sich auch ganz gut auf Menschen übertragen. Die mit einen geozentrischen Weltbild glauben, die ganze Welt dreht sich um sie 😀. Wir arbeiteten uns noch durch die Erdrotiation und nahmen uns dann den Mond vor, der ja auch ein spannendes Thema ist. Meine Enkeltochter machte sich ein paar Notizen und wollte später alles dann in Ruhe ausarbeiten, 

Während ich das Essen vorbereitet und mit mich meiner Enkeltochter über das astronomische Themen sprach, klingelt mein Telefon. Ein früherer Kollege rief mich an. Ich musste ihn erst vertrösten „Ich melde mich später noch mal zurück“. Das Mittag sollte nicht kalt werden und meine Enkeltochter wollte noch ein paar Antworten auf ihre Fragen von mir. Dann hatte ich Zeit für´s Telefonat. Wir telefonieren gute 2 Stunden. Thema: Coronavirus, Coronakrise und noch mal´s Corona. Es fiel uns echt schwer, auf ein anderen Thema einzugehen, wir kamen immer wieder auf Corona zurück. Nach 2 Std. telefonieren lehnte ich mich erst mal auf meiner Couch zurück. Mittlerweile war es schon fast 17 Uhr geworden und ich wollte die neusten Nachrichten zum Thema Coronakrise sehen.

Am Abend, als ich erneut in der Küche stand – ich war grade am Schnippeln und Kochen –  rief meine Schwester aus Kiel an. Wir sprachen über, wie sollte es anders sein, über Corona und das niemand weiß, was auf uns noch zukommt. Ich erzählte ihr mit Schrecken über eine Nachricht zum Coronavirus, die ich ebenfalls im Videotext gelesen hatte. Es handelte sich dabei aber um eine positive Nachricht, die für mich aber trotzdem eine Schreckensnachricht enthielt. Ein geheilter italienische Coronapatient konnte die Klinik verlassen. nach 18 Tage am Beatmungsgerät war er glücklich, wieder selbstständig atmen zu können. OH Schreck, niemals hätte ich gedacht, dass man solange auf die Beatmungstechnik angewiesen sein wird und mir wurde schlagartig klar, warum man zur Zeit massenhaft Beatmunsgeräte aus dem Boden stampfen muss. Ich mache gleich mal eine Milchmädchenrechnung auf. 60 – 70 % werden. laut Viriolgen, an dem Coronavisus erkranken, davon wird der Krankheitsverlauf bei 10 – 20 % eher dramatisch verlaufen und 10 % werden werden nach aller Wahrscheinlichkeit beatmungspflichtig. Darüber wurden wir ja schon seit Tagen großflächig aufgeklärt, aber über die Länge der Zeit am Beatmungsgerät erfuhr ich erst durch diese Nachricht im Videotext. Auch wenn meine Schwester und ich uns über Gott und die Welt unterhielten, wir kamen immer wieder auf den Coronavirus zurück. 

Ein Gespenst geht um

Krisen sind wie Leuchttürme

Das Bild sendete ich als Morgengruß über WhatsApp. Ich war grade auf dem Rückweg vom Kindersport. 45 kleine „Springfrösche“ in 2 Gruppen und die wollten und sollten „besportelt“ werden. Mein Rentenalter hatte ich mir früher einmal viel ruhiger vorgestellt. So mit abhängen auf der Couch und so. Mal hier und mal da hin fahren und dann sich wieder am Strand rumtummeln. Aber es hat sich anders entwickelt und immer noch im prallen Leben verankert.

Achja.. ich bekam auf mein Morgengruß- Bild auch eine Antwort: „Verdammt lange Beine“ und mir fiel dann auch gleich eine passenden Antwort ein. „Genau, bin an meinen Aufgaben gewachsen“ und dabei hatte die großen und kleinen Krisen im Hinterkopf, die ich in dem Moment, als sie auftraten, meistern musste. Und die Kinder lieferten mir diese Woche genügend Krisen und ich fand mich in dem Moment erst einmal vor einer unüberwindbaren Wand.

Fall 1. Der sture H.

Er trieb mir nicht zum ersten mal die Schweißperlen auf die Stirn. H. ist ein Kindergartenkind, der regelmäßig mit zum Kindersport kommt. Die Sporthalle befindet sich 20 Minuten Fußweg entfernt vom Kindergarten und das bedeutet für uns Trainer , wir müssen mit einer Kindergruppe von 15 Kindern quer durch´s Wohngebiet zu marschieren. Und H. bemerkte auf halben Wege, dass er unterwegs ein Spielzeug (in Miniaturgröße) verloren hatte. Er wollte sofort und stehendes Fußes umdrehen und sich auf den Rückweg machen um es zu suchen.

Und damit begann die Krise. zwischen ihm und mir. Wenn H. etwas will oder nicht will, bewegt er sich keinen Zentimeter, er bleibt stehen und stur, hört nicht mehr zu, leiht mir weder Ohr noch seinen Blick, er will nur noch eins und zwar das, was er will. Er wollte zurück und ich musste mit der Kinderschar zur Sporthalle. Und es begann ein Kampf zwischen ihm und mir. Er schrie „ich will zurück“ und doch ich schob in die Richtung, in die restlichen 14 Kinder schon unterwegs waren. Er ließ sich nicht umstimmen und wurde lauter und lauter. Er war über fokussiert und mir musste es gelingen, ihn aus dem Fokus zu holen, den er allein nicht mehr verlassen konnte.

In all dem Chaos fiel mir eine Witz Pointe von Mittermeier ein, als er von gestressten Eltern im Flugzeug erzählte. „Wenn du nicht artig bist und du nicht gleich aufhörst, dann dreht der Pilot um und wir fliegen wieder nach Hause“ 😁😁😁😁😁😁 Weiß der Teufel, warum mir grade der Witz einfiel, aber ich erzählte dem kleinen sturen und aufgebrachten H. , dass ein Flugzeug ja auch nicht umdrehen und zurück fliegen kann, nur er weil auf dem Weg dorthin etwas verloren hätte.

Ich wusste nicht, ob der Kleine mich verstanden hatte, doch er lenket gleich auf das Flugzeug ein und erzählte mir, er sei schon mal geflogen und er das toll fand. Ich interessierte mich nun ausgiebig für seine erste Flugerfahrung und dabei vergaß der sture H. sein verloren gegangenes Spielzeug, dass nicht größer als sein Mittelfinger war. Während er und ich uns über seinem ersten Flug unterhielten, bedankte ich mich innerlich bei Mittermeier .

Fall 2. Die traurige A.

Die Arbeit in den Sporthallen mit dem Kleinen (bis 10 Jahre) stellt mich fast täglich vor neue Herausforderungen und kein „Fall“ ist wie der andere. Am Donnerstag musste wieder nach einen Weg suchen, um ein Mädchen aus einer Krise zu helfen und all dass muss mitten in der Trainingsstunde passieren. Eins von den Mädels saß weinend am Boden, weil kurz zuvor die Mutter die Sporthalle verlassen hatte. Sie wollte ihrer Tochter beim Sport zuschauen, ging jedoch vorzeitig, worauf das Mädel mit Tränen reagierte und vom Sport nichts mehr wissen wollte.

Ich bat sie, den Kopf nicht hängen zu lassen, doch sie verharrte ins sich zusammengesunken am Boden. Da fiel mir ein, dass ich eine Woche zuvor mit meinem Handy ein Bild von ihr gemacht hatte, als sie nach einem Wettkampf mit auf dem Siegertreppchen stehen konnte. „Hab ich dir das Bild schon gezeigt?“ „Nein, haben sie nicht“ Sie stand auf und ich ging mit mir auf die andere Seite der Sporthalle, dort befand sich meine Tasche mit dem Handy. Sie sah sich das Bild an und die eingetrübte Stimmung verschwand und wenig später sah ich sie mit Spaß bei der Sache, an den Sportübungen.

Die Titelzeile „Krisen sind wie Leuchttürme“ ist noch ein altes Erinnerungsstück als längst vergangen Zeiten. Damals steckte ich als junge Frau in einer schweren Krise und wusste nicht mehr, ob für mich jemals die Sonne wieder scheinen würde. Die Tage absolvierte ich kraftlos und die Nächte verbrachte ich schlaflos. Und während der schlaflosen Nächte verfolgte ich einmal die Woche im Radio eine Ratgebersendung für Sorgen und Nöte der Menschen. Man konnte anrufen und seine Fragen stellen und ein Psychologe antwortete auf die Lebensfrage der Anrufer.

Nicht nur ich hing damals in den Seilen, sondern viele andere auch. Das war zwar kein Trost, aber ich war nicht allein in einer schwierigen Situation. Und auf eine sorgenvollen Anfrage leitete der Moderator eine Antwort mit dem Satz:„Krisen sind sie wie Leuchttürme“ ein. „Sie weisen einem die Richtung, wenn der alte Pfand in einem Sackgasse geführt hat“.