Holland in Not

Nur noch schnell die 7 Sachen für die  Yogastunde in den Rucksack verstauen, dann kann ich auch schon den Abflug

machen. Meine Wanduhr zeigt  175  Uhr an. Ich habe 30 Minuten, als es an Wohnungstür klingelt. Wer da? Hoffentlich steht nicht wieder ein Vertreter vor der Tür, um mir einen neuen Stromanbieter schmackhaft zu machen. Ein Blick durch Guckloch, ich sehe nix. Zumindest niemand in Schlips und Kragen, der sich vor der Tür noch schnell  ein entspanntes Lächeln ins Gesicht meißelt.

Wer da? Ein kleines Mädchen steht vor mir.  Sie  wohnt im selben Haus, ein paar Etagen über mir. Sie  hat immer, wenn wir uns begegnen,  ein freundliches Lächeln und  ein nettes Wort für mich auf den Lippen. Heute sieht sie gar nicht fröhlich aus, so kenne ich sie nicht.  Nein, sie sieht traurig und ängstlich aus. „ich mag nicht mehr in unsere Wohnung.“ erzählte sie mir mit weinerlicher Stimme. „komm erst mal rein“ ich  bitte sie in die Wohnung, lass mir erzählen, warum sie nicht mehr in ihre Wohnung mag.

„Der Kumpel von Mutti hat mich gehau`´n“ Ohje.. deshalb sieht die Kleine so erschrocken und verängstigt aus. Es dauert etwas, bis ich Klarheit habe und kann mir einen möglichen Reim darauf machen. Den „Kumpel “ (ich nehme an, ein Bekannter) wurde von Mutti als „Sitter“ eingesetzt, weil sie außer Haus musste . Statt sich darauf zu konzentrieren betrank er sich und rastete aus. Er hat die Kleine geschupst oder gestoßen oder geschlagen und damit einen mächtigen Schrecken eingejagt.

Ach herje.. Holland ist in Not. Mutti nicht zu Haus und die Telefonnummer von Mutti hat die Kleine auch nicht. Draußen ist es kalt und dunkel und sicher nicht der beste Ort für die Kleine, auf Heimkehr ihrer Mutti zu warten. Ich überlege hin und her, was ich machen kann. Ich könnte die Kleine zur Mutter bringen, die sich zur Zeit im anderen Wohngebiet aufhält. Aber dann stehen die Teilnehmer der Yogagruppe vor verschlossenen Türen. Die Kleine mit zur Yogastunde mitnehmen? Das wollte die Kleine nicht. Den Mann in der Wohnung zur Räson bringen? Dafür würde der Terminator der Richtige sein, ich nicht. Sollte ich die Polizei rufen? 

Wir besprechen Möglichkeiten. Uns fällt nichts machbares ein. Die Polizei möchte die Kleine nicht, sie will ihre Mutti nicht erschrecken und sie hat Angst vor dem Kumpel, er könnte deshalb noch verärgerter werden und ihr das übel nehmen.  Ich denke darüber nach, ob ich sie allein in meiner Wohnung lasse, während ich die Yogastunde gebe? Nein, das geht auch nicht. Dann würde die Mutter sie nicht finden, wenn sie wieder heim kommt.

Wir stecken in der Zwickmühle. Ich mache der Kleinen den Vorschlag, dass ich die Polizei könnte, damit diese sie dann zu ihrer Mutter bringt. In Kopf der Kleinen arbeitet es genau so, wie in meinem Kopf. Sie will nicht in die Wohnung und sie will auch ihre Mutti nicht erschrecken, mit großem Aufgebot und Polizei, Und ich bin mir auch nicht sicher, ob ich gleich mit Polizei daher kommen soll. Doch dann bat sie mich: „Rufen sie die Polizei“

Nun geht alles ganz schnell. Der Notruf ist zügig abgesetzt, Der Beamte tackert alle wichtigen Angaben meiner Anzeige in die Tastatur „Der Streifenwagen ist gleich bei ihnen“ Wir halten gemeinsam am Fenster Ausschau nach dem Streifenwagen, So von Null auf jetzt wird der nicht vor der Tür stehen. „Da“ rief die Kleine „da, ist Mutti“  Sie zeigt auf den grauen Umriss einer Frau, sie sich suchend umschaut. „Ich möchte zu Mutti“ bat sie mich. „klar“ und schon stürmt sie raus.

Wenig später mache ich mich auch auf den Weg machen. Die Yogastunde würde ich noch pünktlich beginnen können. Als ich vor die Tür trete, lässt sich grade ein ein junger Polizeibeamter den Ausweis der Mutter zeigen. Die Kleine ist noch an der Hand der Beamtin. Die Mutter war sichtlich beschämt „ich hatte meine Tochter schon gesucht“ sie beute sich zur mir rüber, um mir das auf die Schnelle zu sagen. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie sich schlecht fühlt, aber wer rechnet sich mit einem Ausraster des „Sitters“ Ein Mann von 40 Jahren hätte ja auch erst später die zahlreichen Biere hinter die Binde kippen können. Darauf wollte er nicht warten und erschreckt obendrein noch das Kind,w as ihm für kurze Zeit anvertraut wurde.

Am nächsten Tag lächelte die Kleine mich wieder an, als ich an ihr vorbei ging. !Alles wieder in Ordnung“ fragte ich. „Ja, alles wieder in Ordnung. Der Kumpel ist weggelaufen“

gefallener Mann

Es war schon dunkel, als ich am Samstag den Supermarkt verlies. Meinen Tretroller hatte ich an den Metallpfählen zwischen den Parkflächen  fest gemacht. Mit dem Roller kann ich gut kurze Strecken fahren. Auch wenn der Supermarkt nur eine Bushaltestelle von mir entfernt ist, zu Fuß ist das dann doch ne ganze Ecke.

Während ich mich über den Roller beuge, sprach mich ein Mann von hinten an. Ich fand das gruselig, denn der Parkplatz war nur spärlich beleuchtet, doch als ich den Mann sah, war´s mir noch gruseliger. Ein Mann, so um die 60  oder 70 oder 80 oder 90 ? Das war schwer einzuschätzen. Das erste, was mir von ihm ins Auge stach, weil seine geschundene Nase. Quer über der Nase zwischen den Augenbrauen klaffte eine große Wunde. Sie war nicht mehr ganz frisch. Es sah aus, als wäre er über eine Tischkante oder so etwas gestürzt. Er hielt einen Einkaufsbeutel fest in der Hand, einen Mantel hatte er sich nicht übergeworden und wie es aussah, hatte er auch die festen Schuhe vergessen. Er trug leichtes Schuhwerk. Die Wunde, die quer über der Nase war – in meiner Erinnerung war sie ca 5 cm breit und 7 cm  über die Nase, Ein Wunder, dass sein Auge nicht lädiert war.

“Ich muss dringend in die Schillingalle” seine Stimme klag kratzig  belegt, wie eine stumpf gewordenes Reibeisenstimme. Er sprach genau so unbeholfen, wie er sich bewegte. Schillingsallee ist die Straße, in der die Notaufnahme der Stadt ist.Die liegt im Stadtzentrum, wir befanden uns am Stadtrand. Er müsse dringend zu seinem Arzt und hätte kein Geld, sich ein Fahrschein dorthin zu lösen. “Nur 1 €” um mehr bat er mich nicht. ich atmete durch und holte den €uro  aus meiner Geldbörse. Warum nicht einen Mann in Not helfen.. Es war für mich unschwer zu erkenne, warum der Mann gestürzt war, Der Alkohol hatte ihn sein Leben wahrscheinlich schon vor vielen Jahren genommen und aus ihm ein” Zombie”gemacht. Wahrscheinlich konnte er nicht mehr mit und auch nicht mehr ohne Alkohol leben. Er befand sich sozusagen in einer Zwischenwelt.

Als ich ihm den Euro reichte, überkam ihm eine freudige Erregung. Er bebte förmlich vor Erregung und überschütte mich mit einem Wortschwall, den ich nicht verstand. Es hörte ich an, als hätte ich für einen Rundfunksender, den ich hören wollte, zu schlechten Empfang. Das kratzen in seiner Stimme sollte ein spaßiger Unterton für seine Worte sein, von denen ich nur “Schillingallee”, “mein Arzt” und am “6. Termin” verstand. Ich zeiget ihm die Bushaltestelle. Sie lag nur wenige Meter entfernt.. Unsicher auf den Beinen bog jedoch in  Richtung Supermarkt ab, in Hauslatschen und mit Einkaufsbeutel in der Hand

Der Mann, ein Bild des Jammers, das sich mir bot. Noch auf dem Heimweg klang diese kurze Begegnung mit den gefallenen Mann nach. Was aus einem Menschen doch werden kann. Ich fragte mich, woran der Mann in deinem Leben wohl gescheitert sein mag. Sicher war auch er ein Baby, das der Stolz seiner Eltern war, ein Kind, das nach Abenteuer suchte, ein Jugendlicher, der die Welt erobern wollte. Was man diesen Mann umgehauen habe? Und seit wann läuft er als geknickter “Zombie” durch sein Leben?

Auf dem Heimweg fuhr der Bus an mir vorbei. Weil es draußen dunkel war, konnte ich jedem Fahrgast in Bus sehen. Der gefallene Mann war nicht dabei.