so spielt das Leben

Das Jahr 2020 fing für mich ganz gut an. Ich war zufrieden mit dem Start. So kann es weiter gehen. Tag für Tag, jeden Tag. Doch dann kam die Nachricht über WhatsApp rein: „Kannst du mich von der Notfallstation abholen?“ Oh..Shit. Keine 4 Wochen liegt der letzte epileptische Anfall von Sohnemann zurück und schon wieder landete er auf der Notfallstation der Rostocker Uni. Er hatte doch grade erst das Haus verlassen, d.h. weit kann er nicht gekommen sein. Ich betete, dass er sich nicht weiter verletzt hatte, aber wenn er mir selber schreibt, wird er wieder glimpflig davon gekommen sein. So schlussfolgerte jedenfalls meine Denke zur Selbstberuhigung.

Und wieder mal stand ich auf den langen Gang der neurologischen Notfallstation, allein und auf der Suche nach Sohnemann.

Ein junger Arzt schickte mich in eins der Behandlungsräume: „Dort liegt ihr Sohn. Sie können zu ihm“ Übermüdet und angekämpft lag er da aber unverletzt. Keine Schramme am Kopf, keine abgeschürfte Hand, kein abgeschürftes Knie, ja, sogar der typische Zungenbiss fehlte. Ich war erleichtert und die Erschöpfung kam vom generalisierten Krampfanfall.

Müde und abgekämpft, zudeckte mit Winterschal

„Ich bekam im Bus, den Anfall und kam erst wieder zu mir, als sich die Sanitäter über mich beugten. Der Busfahrer hatte mich krampfen sehen und die Sanitäre gerufen“ Dann schlief er wieder ein. Der Zufall wollte es, dass Sohnemann an dem Tag genau im Blickfeld des Busfahrer saß und vor ihm eine hohe Scheibe, die den Fahrgast vom Eingang abtrennt. Dadurch fiel er nicht hart zu Boden und bleib sogar auf seinem Platz.

Mit Sohnemann lag auch ein Opa, durch einen Vorhang als Sichtschutz voneinander getrennt, im selben Raum. Opa war auch ein Notfall auf der neurologischen Notfallstation, aber er hörte sich an, als wäre er ein Notfall für einen Lungenspezialisten. Er stöhnte, röchelte und hustete ununterbrochen und wenn er hustete, befürchtete ich, es könne ersticken. Oh man, alt werden ist wirklich nichts für Weicheier und schwache Nerven. Es dauerte eine Weile, bis eine Schwerster kam und Opa etwas beruhigendes gab. Hab aber vergessen, was die Schwester ihm gab

Wenig später, nach einem kurzen Arztgespräch, durfte Sohnemann mit mir zusammen die Klinik verlassen. Er wurde, so steht es dann immer in den Entlassungspapieren, „in die mütterliche Häuslichkeit entlassen“ mit der Empfehlung, er möge den Alkohol eher meiden als lieben. Diesmal nahm er sich den Hinweis zu herzen und meidet seit dem jeden Tropfen Alkohol.

Doch mein Kopf ratterte weiter und weiter. War nur allein der Alkohol Schuld an dem Anfall? Ich las vor einiger Zeit, dass der Hauptauslöser STRESS – ich schreibe es mal so, wie es da geschrieben stand, mit Großbuchstaben und fetter Schrift – für den Anfall sei.. Mein Kopf rotierte auf der Basis weiter. Ich wollte mich erinnern, was davor ihn gestresst haben könnte. Ich spreche von mentalem Stress und nicht von Arbeitsstress. Und ich wurde fündig. Zwei Abende vor jedem Anfall erzählte er mir von einer Stresssituation eher beiläufig, doch ich kenne Sohnemann genau und weiß, dass de Stress für ihn einen unlösbaren Konflikt darstellte. Das hatte ihn zerrissen und seinem Kopf überlastet.

voll erwischt

„Und schreibe mir per WhatApp, wenn du angekommen bist.“ rief ich Sohnemann noch nach, als er heute früh das Haus verlassen hatte. Nein, er startete nicht zu einer Weltreise, sondern er fuhr nur mit dem Bus zu seiner Arbeitsstelle. Er musste sich beieilen, wollte er den Bus noch erreichen. Nachdem er das Haus verließ, sah ich ihm noch aus dem Fenster besorgt nach. Dann verschwand er aus meinem Blickfeld. „Es wird schon gut gehen“ beruhigte ich mich und hatte trotzdem kein gutes Gefühl. „Es ging in letzter Zeit ja immer gut“ und damit sollte meine „Beruhigungspille“ noch wirksamer werden. Aber er hatte nach meiner Zeitrechnung kaum 5 Minuten im Bus gesessen, als ich von ihm per WhatsApp wissen wollte, ob alles okay wäre. Er antwortete schnell mit „Daumen hoch“ und ich war erleichtert. „Es wird schon gut gehen“

Nein, ich bin keine überbesorgte Mutter, die ihren Sohn noch mit 30 Jahren überbehütet und sich von ihm nicht lösen kann. Nein, er schien mir die letzten Tage zu überdreht gewesen und gestern Abend war er obendrein noch versackt. Mit schwankendem Gang kam er kurz vor Mitternacht heim , um am frühen Morgen wieder auf der Matte zu stehen. Für einen jungen Mann an sich nix schlimmes . Ich habe in seinem Alter auch mal vergessen, dass ich am nächsten Tag wieder früh auf Arbeit erscheinen muss und schlich am nächsten Tag als „LeidenChristi“ zur Arbeit. Doch bei Sohnemann kann das fatale Folgen haben.

Es kam heute früh keine weitere WhatsApp von Sohnemann, dafür aber ein Anruf von seiner Chefin. Als ich ihren Namen auf dem Display sah, ahnte ich nichts Gutes. „Ist J. schon zu Hause angekommen ?“ wollte sie von mir wissen. Und meine Vorahnung am Morgen hatte wurde zur Realität. „J. ist heute auf den Weg zur Arbeit umgefallen. Er wollte grade über die Brücke vom alten Strom gehen, als er umfiel“ Mein Magen und mein Gedärm krochen in sich zusammen. „Die Sanitäter haben ihn mitgenommen“ und aus dem Hintergrund rief ihr eine Kollegin zu „sie haben ihn zur Klinik gebracht“ Alles klar, es ist wieder passiert. Magen und Gedärm lösten sich wieder, aber auch nur, um sich wieder zu verkrampfen.

Nun musste ich in Erfahrung bringen, in welchem Zustand Sohnemann nach dem heutigen Anfall war. Ein epileptischer Anfall kommt ohne Vorwarnung und der Betroffene fällt mit einem versteiften Körper auf den Boden. Wenn heute alles gut gegangen ist, müsste er wieder ansprechbar sein. Also rief ich ihn gleich an. Mein Herz schlug bis zum Hals. Wie oft habe ich diese Prozedur schon durchlaufen. Ich bekam einen Anruf :“Es geht um ihren Sohn“. Ich wusste sofort worum es ging und machte mich sofort auf den Weg in die Notfallklinik.

Vor zwei Jahren stürzte er in einem Anfall eine Treppe kopfüber runter und niemand wusste, ob er sich dabei das Rückrat gebrochen hatte. Als ich wieder mal Hals über Kopf in der Notfallklinik eintraf, war Sohnemann noch im Schockraum. Ich konnte vor Anspannung kaum atmen. Die Zeit, die ich auf ein Arztgespräch warten musste, schien sich in die Unendlichkeit in die Länge zu ziehen. Dann endlich die Erlösung. Der Arzt rief mich zu sich und teilte mir mit, dass seine Wirbelsäule nicht beschädigt wurde. Trotzdem folgte 1 Woche Internsiv, 2 Wochen auf Normal Station und 9 Wochen Reha. Ein SchädelHirnTrauma 1. Grades, er musste erst wieder laufen und sprechen lernen. Er erholte sich wieder, ist er wieder fit wie ein Turnschuh und muss keine Abstriche an seinem Leben machen.

Mein Handy baute die Verbindung zu Sohnemann auf und ich hoffte, er dass er das Gespräch schon entgegen nehmen kann, wenn er kann. Noch mal ein paar bange Sekunden , die wie eine Ewigkeit dahin krochen. Dann endlich, ich hörte seine Stimme. „Es geht mir wieder gut“ sagte er „Ich werde gleich mit dem Arzt sprechen, dann noch Blut abnehmen und auf die Ergebnisse warten“ Eine uns schon bekanntes Prozedere. Zum Glück wurde Sohnemann in die Klinik in der Nähe meiner Wohnung gebracht. Ich konnte in 15 Minuten von A nach B kommen.

Als ich in der Notfallstation eintraf, saß Sohnemann schon wartend im Gang. Er warte nicht auf mich, sondern auf die Ergebnisse der Blutuntersuchung. Erst mal nahm ich ihn in den Arm, schließlich war ich glücklich, ihn wieder heil zurück zu bekommen. Wenig später kam der Arzt dazu, setzte sich an meine Seite und holte sich aber erst die Genehmigung von Sohnemann ein, dass er in meiner Gegenwart über die Diagnose sprechen darf.

Dann zählte er die Fakten auf, sie zu dem Anfall geführt haben. Er machte es kurz und schmerzlos und ohne erhobenen Zeigefinger. Wer an Epilepsie leidet, sollte sich an ein paar Regeln halten, ausreichend Schlaf und möglichst keinen Alkohol. Er wies noch mal auf das zusätzliche Risiko – Schädel Hirn Trauma – hin und dass auch dieses die Reizung erhöht. Im Grunde sagte er mir das, was ich schon wusste und Sohnemann auch weiß.

Mit einem kurzen Satz gab ich Sohnemann in der Vergangenheit eine Empfehlung immer mit auf den Weg : „..und denke an deine Gesundheit“ . Der Arzt verabschiedete sich von uns beiden mit einem Handschlag und gab Sohnemann eine Empfehlung mit auf den Weg: „Und seinen sie ihr eigener Gesundheitsmanager“ Das klingt etwas salopper als meine Empfehlung, aber sagt das selbe aus. Sohnemann hasst es, wenn Mutters recht hat. Aber wenn sie recht hat, hat sie recht.

Wiederherstellung

Leidenschaftlich und liebevoll drückt sie meinen Sohn an ihr Herz. „Du siehst jetzt wieder wie früher aus“ und klopft ihn bei den Worten beherzt auf seine Schultern. Tränen …kaum zu sehen.. sie sind bei beiden zu spüren, auch bei mir waren sie nicht weit. Das letzte Bild das sie von meinen Sohn sah, hatte sie erschüttert und sich bei ihr eingeprägt .

Am Fuß der Treppe, die in unteren Betriebsräume führt, fand man ihn. Nur wenig später, nachdem er seine Kollegen zum Dienstbeginn begrüßte. Er wollte nur noch seine Dienstkleidung anziehen. Die Spints der Mitarbeiterin befinden sich im Unterschoss,, zu denen man über eine steile Metalltreppe kommt. Bis an seine Spint schaffte es Sohnenmann jedoch nicht mehr. Auf der Treppe traf ihn der epileptische Anfall unerwartet und er fiel kopfüber die Stufen abwärts. Noch vor Ort wurde Sohnemann ins künstliche Koma gelegt. Seine Kollegen hatte das Bild mit dem blutigen Gesicht und Beatmungsschlauch im Mund noch vor ihrem Auge, als er schon zur Notfallklinik gebracht wurde. Eine knappe Woche danach wachte Sohnemann auf der Intensivstation wieder auf. .

Ich wartete mit Bangen in der Notfallstation der Rostocker Uni auf die ersten Ergebnisse der Untersuchung. Nach dem schweren Sturz von der Treppe war alles möglich und ich wusste nicht,was mich erwarten würde. Meiner angstvollen Fantasie durfte ich keinen Raum geben. Die 30 Minuten Wartezeit waren eine Ewigkeit. Dann endlich wurde mein Name aufgerufen… ein junger Arzt klärte mich über die ersten Ergebnisse der Untersuchung auf. Mein Atem stand still, als er zu reden begann. „Keine Verletzung an der Wirbelsäule. keine schweren Verletzungen am/im Kopf. “ Ich konnte wieder atmen. Die Auskunft war Erlösung pur. So wie sonst, konnte ich Sohnemann diesmal nicht mit nach Hause nehmen.. er kam gleich auf die neurologische Intensivstation zur Weiterbehandlung.

Als er nach eine knappen Woche aufwachte, war seine Sprache weg und der Körper linksseitig spastisch gelähmt. Eine kleine Verletzung am Gehirn zeigt ihre Wirkung. „Sohnemann, deine Software ist beschädigt“ sagte ich ihm.. „das wird wieder“ gab ich  ihn zu verstehen. „Das Gehirn nutzt nun andere Areale für s Sprechen und die Bewegung der linken Körperhälfte“ Ich gab erst mal nur weiter, was man mir sagte.

Ich habe aber auch eine eigene Methode in die Zukunft zu schauen. Ich schloss die Augen, versenkte mich, konzentrierte mich auf das Bild meines Sohnes und aus meinem Unterbewusstsein stieg ein Bild auf, in dem ich meinen Sohn auf seinem Skateboard sah. „Das wird wieder“ Erleichterung auch für mich. Ich konzentrierte mich auf die Besuche ..Intensivstation, Normalstation und nun Reha.

Nach fast 8 Wochen steht Sohnemann noch nicht ganz in seinem vollen Leben. Aber die Sprache ich wieder zurück gekehrt. Anfangs gab es nur geleierter Worte, doch nun ist auch schon das volle Klangbild seiner Stimme wieder da. Gut zu Fuß ist er auch schon wieder und auch seine linke Hand macht wieder mit. Die Reha ist noch nicht abgeschlossen und es kann nur noch besser werden.