gefallener Mann

Es war schon dunkel, als ich am Samstag den Supermarkt verlies. Meinen Tretroller hatte ich an den Metallpfählen zwischen den Parkflächen  fest gemacht. Mit dem Roller kann ich gut kurze Strecken fahren. Auch wenn der Supermarkt nur eine Bushaltestelle von mir entfernt ist, zu Fuß ist das dann doch ne ganze Ecke.

Während ich mich über den Roller beuge, sprach mich ein Mann von hinten an. Ich fand das gruselig, denn der Parkplatz war nur spärlich beleuchtet, doch als ich den Mann sah, war´s mir noch gruseliger. Ein Mann, so um die 60  oder 70 oder 80 oder 90 ? Das war schwer einzuschätzen. Das erste, was mir von ihm ins Auge stach, weil seine geschundene Nase. Quer über der Nase zwischen den Augenbrauen klaffte eine große Wunde. Sie war nicht mehr ganz frisch. Es sah aus, als wäre er über eine Tischkante oder so etwas gestürzt. Er hielt einen Einkaufsbeutel fest in der Hand, einen Mantel hatte er sich nicht übergeworden und wie es aussah, hatte er auch die festen Schuhe vergessen. Er trug leichtes Schuhwerk. Die Wunde, die quer über der Nase war – in meiner Erinnerung war sie ca 5 cm breit und 7 cm  über die Nase, Ein Wunder, dass sein Auge nicht lädiert war.

“Ich muss dringend in die Schillingalle” seine Stimme klag kratzig  belegt, wie eine stumpf gewordenes Reibeisenstimme. Er sprach genau so unbeholfen, wie er sich bewegte. Schillingsallee ist die Straße, in der die Notaufnahme der Stadt ist.Die liegt im Stadtzentrum, wir befanden uns am Stadtrand. Er müsse dringend zu seinem Arzt und hätte kein Geld, sich ein Fahrschein dorthin zu lösen. “Nur 1 €” um mehr bat er mich nicht. ich atmete durch und holte den €uro  aus meiner Geldbörse. Warum nicht einen Mann in Not helfen.. Es war für mich unschwer zu erkenne, warum der Mann gestürzt war, Der Alkohol hatte ihn sein Leben wahrscheinlich schon vor vielen Jahren genommen und aus ihm ein” Zombie”gemacht. Wahrscheinlich konnte er nicht mehr mit und auch nicht mehr ohne Alkohol leben. Er befand sich sozusagen in einer Zwischenwelt.

Als ich ihm den Euro reichte, überkam ihm eine freudige Erregung. Er bebte förmlich vor Erregung und überschütte mich mit einem Wortschwall, den ich nicht verstand. Es hörte ich an, als hätte ich für einen Rundfunksender, den ich hören wollte, zu schlechten Empfang. Das kratzen in seiner Stimme sollte ein spaßiger Unterton für seine Worte sein, von denen ich nur “Schillingallee”, “mein Arzt” und am “6. Termin” verstand. Ich zeiget ihm die Bushaltestelle. Sie lag nur wenige Meter entfernt.. Unsicher auf den Beinen bog jedoch in  Richtung Supermarkt ab, in Hauslatschen und mit Einkaufsbeutel in der Hand

Der Mann, ein Bild des Jammers, das sich mir bot. Noch auf dem Heimweg klang diese kurze Begegnung mit den gefallenen Mann nach. Was aus einem Menschen doch werden kann. Ich fragte mich, woran der Mann in deinem Leben wohl gescheitert sein mag. Sicher war auch er ein Baby, das der Stolz seiner Eltern war, ein Kind, das nach Abenteuer suchte, ein Jugendlicher, der die Welt erobern wollte. Was man diesen Mann umgehauen habe? Und seit wann läuft er als geknickter “Zombie” durch sein Leben?

Auf dem Heimweg fuhr der Bus an mir vorbei. Weil es draußen dunkel war, konnte ich jedem Fahrgast in Bus sehen. Der gefallene Mann war nicht dabei.

die Welt ist bunt

Das bunte Treiben auf den alljährlich Ostermarkt erfreut wieder viele Besucher der Stadt, auch die Einheimischen, das ist klar. Der Ostermarkt hatte gestern schon etwas frühlingshaftes. Der Himmel so blau, die Sonne so hell, die Luft so mild.

Mit den Besuchern des Ostermarktes tummeln sich in diesem Jahr ganz andere Gesellen, die ich bis dato noch nie sah. Das sich an solchen Tagen auch die Bettler an den Wegesrand setzen, ist auch nicht s neues, Sie werden eigens dafür in die Großstädte gebracht. Längst sind wir Bürger schon so weit aufgeklärt, dass wir wissen, dahinter steht ein, wenn ich mal so sagen darf, eine Management, dass sie entsprechend die Strippen sieht.

Neu in diesem Jahr ist, dass die Bettler nicht nur stumm mit der Bettelschale und mit einem leidvollen Gesicht da sitzen, nein, die kommen jetzt mit Krücken und humpelnden Beinen daher, stellen sich den Menschen den Weg, damit sie nicht einfach vorbei laufen können, sondern einen Bogen machen müssen.

Eine weitere Masche, die Z.Z. neu in der Stadt ist zu sehen und mir deshalb aufgefallen ist, sind ihre Standorte der Bettler, nämlich neben den zahlreichen Geldautomaten, die der Besucher in der Einkaufsstraße nutzen kann, wenn ihm das Bargeld ausgegangen ist. Sie sitzen oder stehen nicht nur stumm leidend da, sondern sprechen die Menschen gezielt an, die sich Geld aus dem Automaten gezogen haben.

Sehr unangenehm und deshalb dachte ich mir, “gehe ich halt in die Bank und hole mit dort mein Scheinchen”. Aber auch dort saß ein Mann leidend und stumm in einer Ecke und als ich den Vorraum der Bank verlies, sprach er mich auch auf mein Geld an.

Ich gehe davon aus, das diese Menschen wirklich bettelarm sind und deshalb in diese mieslige und demütigende Lebenslage kamen. Aber ich bin mir auch sicher, dass diese Menschen das Geld abliefern müssen und davon nur das schwarze unter dem Nagel bekommen würden.

Fahre ich am Abend mit der Straßenbahn nach Hause, zeigt sich wieder ein anderes Bild um mich herum, Die meisten Fahrgäste unterhalten sich nicht in meiner Heimatsprache. Um mich herum kommunizieren Menschen in allen möglichen Sprachen. Wir stehen vor einer neuen Zeit, dass wird mir in solchen Momenten deutliche klar. Unsere Welt verändert sich jeden Tag und unsere Köpfe müssen mithalten, wenn wir die neue Welt verstehen wollen.

Die neue Zeit spielgelt sich auch im Kindertraining wieder. Am Mittwoch schlichen sich fremde Kinder in die Sporthalle, in der wir grade Kinder im Alter von 4 – 9 Jahre zum Training hatten. Sie schauten uns neugierig zu. An ihrer Seite stand ein mir bekanntes Mädchen und sie erklärte mir: “Das sind meine neuen Freunde. Ich verstehe zwar nicht, was sie sagen, aber das stört mich nicht” So einfach stellt sich die neue Zeit für die Kleinen dar. Die fremden Kinder waren syrische Kinder und stürmten mit Freude die Sporthalle, als sie grünes Licht von uns Trainern dafür bekamen, So einfach und unkompliziert erobern sich die Kinder die neue Welt, in die das Leben sie gebracht hat.

Die Sprachbarriere löste eine Mutter mit dem Handy. So konnten wir den fremden Kindern übermitteln, dass sie zum nöchsten Training kommen sind, wenn ihre Eltern das erlauben würden. Dabei erfuhren wir, dass die syrische Großfamilie in einer nahegelegenen Straße Einzug gehalten hat. Wir werden sehen, wie es weiter geht.

Zur Zeit  setze ich wie viele andere Menschen auch meine Hoffnung auf den zur Zeit laufenden EU-Gipfel, der heute endlich über einen gangbaren Weg für alle in der Flüchtlingskrise verhandelt, damit alle Menschen, die davon betroffen sind, wieder eine Lebensperspektive bekommen.

Bei der Gelegenheit möchte ich hier noch zum besten geben, dass ich von vielen europäischen Ländern nicht nur enttäuscht sondern auch über ihre Haltung zur Flüchtlingskrise entsetzt war. Das von 28 Ländern der europäischen Union nur wenige Staaten bereit waren, Flüchtlinge in Not aufzunehmen, geht bis heute nicht in meinen Kopf rein.

Ostseemaus

Endspurt im Gewimmel

Ich halte ich  mich  mitten im Gewühle des Weihnachtsmarktes auf, stelle ich immer wieder eins fest. Alle Menschen sehen an diesen Tagen irgendwie gleich aus. Sie tragen fast alle dunkle bis schwarze Klamotten. Halten sich entweder an einer Bratwurst oder an einem Becher Glühwein oder an den prall gefüllten Einkaufstaschen fest. Sie hetzten, suchen krampfhaft nach den passenden Geschenken, die noch nicht ausgewählt wurden.

“Es gibt die Decke nur noch in weiß” Der Mann hat sein Smartphone am Ohr und spricht so laut, dass alle mithören müssen. Wahrscheinlich klärt er mit seiner Frau den Kaufauftrag ab. “Sie hat die Größe von 1,20 x 1,80 m..soll ich die kaufen?” will er nun wissen. Wie die Antwort ausfielt, weiß ich nicht. Aber das große Rennen um die Beschaffung der letzten Geschenke hat schon begonnen.

Düstere Gestalten an den Eingangstoren. Die beiden Herren stehen rechts und links an den Flügeln der Eingangstür von C&A, sie könnten auch Wachmänner sein, wenn sie nicht so finster ausgesehen hätten, Fast könnte man glauben, dass sie gemeinsam etwas planen, was am nächsten Tag in der Schlagzeilen der Medien zu lesen ist. “Bewaffneter Überfall auf Kaufhauskunden” oder so   Aber ihre Blicke sagten mir, dass die geistig schon längst abwesend sind und sich, statt im nasskalten Wetter draußen zu stehen, lieber daheim auf der Couch mit Bierchen und so den Abend beginnen würden. Aber statt dessen begleiten sie ihre Frauen zum Weihnachtseinkauf  und warten auf ihre Rückkehr aus dem Kaufhaus und das kann dauern.

Von weiten sehe ich sie schon. Die kleinen jungen Hundchen, die ganz brav und bündig bei ihrem Herrchen sitzen Die Herrchen sehen fast alle gleich aus. Sie sind alt, haben dicke Rauschbärte, sitzen auf dem Boden. Vor ihnen steht eine Bettelschale und neben ihnen der junge Hund. Eine neue Masche der organisierten Bettelei.  Ich frage mich, wo die Kassierer stehen, die sich sofort das Geld, was in der Bettelschale landet, einstecken.

Ihn sah ich schon öfter, auch im Sommer. Er begleitet seinen lauten und kräftigen Gesang mit seinem Akkordeon. Die Geldschale, die auf dem Boden steht, ist in der Dunkelheit kaum zusehen. Alle Passanten machen um ihn einen großen Bogen . Komisch, wie sich die Bewegungsströme der Menschen plötzlich aufteilen und sich wieder schließen, nur um  auf einen respektablen Abstand zum Straßenmusikant zu kommen.

Es ist schon 17 Uhr vorbei, das Tageslicht schon eine Weile weg. Ich tauche ab ins nächste Geschäft. Will nur kurz mal was schauen,  mir eine Inspirationen holen,. was ich meiner Enkeltochter schenken könnte.  In dem Geschäft dränen sich die Menschen und aus dem Gedränge heraus bleibt ein junger Mann vor mir stehen, hält mir eine Liste unter die Nase. Zeigt stumm auf den Text, der in großen Lettern zu lesen ist. “Wir sind taubstumm” darunter noch einige Sätze, die ich nur überfliege. Erst nahm ich an, nur eine Unterschrift oder so. Aber nein, es geht um Geld und einige haben schon fette Spenden eingetragen.  “Ich habe kein Bargeld bei mir”  antworte ich schnell. Er versteht mich sofort und geht weiter. Wahrscheinlich hat er als Taubstummer meine Schwingung gespürt. Ich frage mich, an welcher Ecke der Mann steht, der sich die Kohle anschließend in die Tasche stecken wird.

Kurze Zeit später steige ich in die nächste Straßenbahn Richtung Nikolei Kirche Rostock. Im gegenüberliegenden Gewölbekeller treffen sich die Trainer des Vereins, verabschieden das Jahr 2014.

Ostseemaus