nix zu holen

Die wenigen Menschen, die zurzeit einen Stadtbummel machen, kann man fast an den Händen abzählen. Nur ein paar Einkäufe machen und dann wieder heim. Das Kaffeetrinken und Klönen nach dem Einkauf fällt aus, wegen Corona. Eine Bratwurst kann man sich in der Kröpi schon kaufen, doch damit muss man sich auf eine Bank verkrümeln, die fernab vom Verkaufsstand liegt. Bei Sonnenschein kein Problem, aber bei Regen, wie gestern? 

Auch Tauben und Möwen  sind von Coronamaßnahmen betroffen. Ihre Futterquelle ist mit den neuen Lockdown verschwunden. Nur wenige Möwen streifen zurzeit durch die Einkaufsstraße, um nach Fressbarem Ausschau zu halten. Und die wenigen, die haben ihre Augen überall. Vielleicht fällt hier und da doch noch ein Krümel auf den Boden?  Ich frage mich, wohin haben sich die anderen gefiederten Stadtbummler verkrümelt? 

So ist das Leben

In schwierigen Zeiten lernte ich die Menschen kennen, wie sie wirklich sind. Vorher dachte ich naiverweise, alle Menschen, die nett zu mir sind, sind auch nette Menschen. Aber mit diesem Irrtum musste ich in meiner tiefsten Lebenskrise schmerzvoll aufräumen und den Hafer von der Spreu trennen. Hatte ich vor der Krise noch 20 Freunde, verblieben mir nach der Krise nur noch 2 in meinem engen Kreis. Schmerzvoll blieb noch eine ganze Weile der Hohlraum, der die Desillusion zurückgelassen hatte, zurück.

„So ist das Leben“, sagten meine Eltern immer dann zu mir, wenn ich noch als junge Frau „zerfleddert“ vom Erwachsenenleben mich unter ihre Fittiche rette und ausheulen wollte. Meine Mutter tröstete mich und meinen Vater beobachtete ich. Ich beobachte, wie er mit schwierigen Situationen umging. Ich erlebte ihn nie in einem aufgeregten Zustand, er sah immer positiv in die Zukunft und trat auch in schwierigen Situationen eher bescheiden, unscheinbar und leise auf. Die Betonung liegt auf „leise“. Weil er leise sprach, hörten alle zu. Er sprach nie zu viel, wiederholte sich nie.

Er ließ mich das Leben selbstständig erfahren, ohne mir zu sagen, was ich tun oder lassen sollte. Dennoch höre ich heute seine Stimme. Er hat die Welt schon 2008 verlassen, trotzdem hole ich mir heute noch einen Rat von ihm bzw. lasse mich von ihm leiten. Früher rief ich ihn an, wenn die Welt mir zu kompliziert wurde. Er erklärte mir die Komplexität und ich verstand mit seiner Hilfe, was um mich herum vorging.

Heute kann ich nicht mehr anrufen und ihn fragen: „Papa. Sag mal, warum demonstrieren die Menschen gegen die Coronamaßnahmen?“ Ob er mir die Frage hätte beantworten können? Ich denke schon, denn seine Menschenkenntnis speiste er nicht mit Bewertungen. Ich muss mich der Frage stellen, weil unter meinen Yogis einige sich auf die Seite der „Querdenker“ geschlagen haben und ich eine neutrale Position finden muss, ohne meine Position aufzugeben. Auf den Weg durch die Pandemie möchte niemand verlieren. Weder durch die Infektion durch den Virus, noch durch die queer gestellte Position zu den Maßnahmen.

Wie kann ich Menschen zusammenhalten, wenn sie gedankliche Gräben trennen? Zurzeit muss jeder von meinen Yogis zu Hause allein Yoga machen und ich kann mir noch etwas Zeit zum Nachdenken darüber nehmen. Ist es die Angst? Angst kennt nicht nur viele Gesichter, sondern hat so viele Erscheinungsbilder, wie es Menschen gibt.

Tag und Nacht

45. Tag seit der Maßnahme

  • Tag und Nacht.
  • Tag und Nacht.
  • Tag und Nacht.
    • keine Termine
      • keine Verpflichtungen

An solch ein eintöniges Leben kann ich mich nicht erinnern. Vielleicht sah mein Leben als Baby mal so aus.

Wie doch alles aus dem Gleichgewicht gerät. Viele Menschen müssen jetzt knüppeln, bis „der Arzt kommt“, andere wieder müssen zu Hause die Zeit, die Corona uns aufdiktiert, absitzen. Gestern wusste ich nicht auf Anhieb, in welchen Wochentag ich mich hineingeschlafen hatte. Lagerkoller? Ach ja, gestern war Mittwoch, also ist heute Donnerstag. Es verschwimmen bei mir zwar nicht Tag und Nacht, aber die Wochen verschwimmen zu einem riesigen Batzen Freizeit, mit dem ich nicht immer gleich weiß, was ich damit anfangen soll.

Ich könnte doch dies, oder das machen, oder doch lieber das andere? Wollte ich nicht endlich mal alle meine Bücher lesen, die sich in meiner Wohnung schon in zwei Regalen stapeln? Und, was ist mit dem Zeichnen? Zentangle hatte ich mir angeeignet und jetzt wäre genug Zeit dafür. Aber der Mund-Nasen-Schutz will auch noch genäht werden. Einer wird nicht reichen. Oder soll ich besser den Mundschutz kaufen?. Seit heute sollen LIDL Und Aldi Süd Einweg-Schutzmasken zum Selbstkostenpreis im Verkauf haben. Aber Schutzmasken nach einmaligen Gebrauch wegwerfen? Ich glaube, ich entscheide mich besser doch wieder zu dem selbstgenähten Exemplar aus ausgediehnten Bettlaken. Den Nähplatz hatte ich ja schon eingerichtet.

Zum Glück bleib die Natur im Bewegung