um die Persönlichkeit beraubt

„Mir bleibt ein schöner Sommer , solange es eben dauert“ schrieb meine Freundin mir vor 6 Wochen, nachdem sie 3 Wochen zuvor von ihrer fatalen Diagnose erfuhr. „Etwas später darfst du mich anrufen“ Also ließ ich 4 Wochen Zeit ins Land gehen, nicht nur, weil sie mich darum bat, sondern auch weil ich selber verreiste, um meine Schwester nach einer OP zu pflegen.

Bevor ich nach meiner Ankunft zu meine Freundin fahren wollte, erkundigte ich mich bei ihrem Ex-Mann nach ihren aktuellen Befinden. Als sie noch ein Paar waren, lebten wir im selben Haus. Nach ihrer Trennung verließ die Familie einer nach dem anderen das Haus, doch der Kontakt blieb weiterhin herzlich – zu beiden. Deshalb wollte ich über ihn erfahren, wie es gesundheitlich um meine Freundin steht.

Was er mir zu berichten hatte, wollte ich nicht hören, darauf war ich nicht vorbereite. Jeder Satz von ihm ließ mich innerlich stöhnend zusammensacken, tiefer und tiefer. „Sprechen kann sie nicht mehr“ oh mein Gott. „nur noch Handzeichen. Sie kann nicht mehr hören, nicht mehr laufen und bei meinem letzten Besuch hatte sie mich nicht mehr erkannt“. Meine Freundin wurde binnen kurzer Zeit durch ihre Erkrankung um ihre Persönlichkeit gebracht.

Noch einmal erzählen, wie in alten Zeiten, war nicht mehr möglich, wird nie mehr möglich sein. Ich hatte in der Vergangenheit meine Schwester während ihrer Krebserkrankung begleitet und daher eine andere zeitliche Vorstellung und außerdem hatte der Sommer ja erst angefangen. Nach dem Telefonat saß ich erst mal betreten auf meiner Couch und sah förmlich die Sterne um meinen Kopf kreisen, wie sie gern im Zeichentrick gezeigt werden, wenn einer ordentlich etwas auf die Rübe bekommen hatte.

Gleich darauf erfasste mich ein schwerer Konflikt. Besuche ich sie noch an ihrem Sterbebett und lebe die nächsten Jahre mit der Erinnerung an ihren geschundenen Körper und ihrer geschundenen Seele, ober behalte ich sie so in Erinnerung, als wir uns das letzte mal eher zufällig trafen, freundlich strahlend und liebevoll? Oder als wir das letzte mal im Februar diesem Jahres telefonierten, wie immer mit einem Ratschlag um die Ecke kommend. Niemand von uns konnte ahnen, dass es unsere letzten Begegnung sein sollte.

Ich gebe zu, mein Ar… ging auf Grundeis, bei dem Gedanken, sie zu besuchen. Ich war ja auf das, was ihr Ex mir zu ihrem Zustand sagte, nicht vorbereite und der Gedanken, sie derart geschunden zu sehen, machte mir Angst. Trotzdem bat ich ihn gestern, wenn er wieder zu ihr fahren würde, ob er mich dann mitnähme, so als moralische Stütze für mich. Ich wollte bei Ankunft kurz aus seinem Auto springen, schnell zu ihr ans Bett huschen und wenn ich den Anblick nicht mehr ertrage, das Zimmer wieder verlassen. Auch das wäre nicht mehr möglich, erklärte er mir heute. „Sie wurde gestern ins Hospiz gebracht. Unsere Söhne schaffen es mit ihrer Pflege nicht mehr“ und er empfahl mir, sie besser so in Erinnerung zu behalten, wie ich sie als gesunde Frau kannte. Daraus kann ich schließen, dass nicht nur ihre Persönlichkeit von der Krankheit entfremdet wurde, sondern auch ihre körperliche Erscheinung schwer gezeichnet war.

Es ist wirklich zum heulen, zum heulen, zum heulen, zum heulen, zum heulen, zum heulen, heulen, heulen, heulen, heulen 😰😰😰😰😰😰😰😰😰

lass(t) mich in Ruhe

Ihre Fluchtdistanz hielt sie auf 15 m. Das entsprach der Breite der Sporthalle, in der wir uns aufhielten. Kam ich auch nur 2 Schritte näher, lief sie mit den Worten “Lass mich in Ruhe” in die nächste Ecke der Sporthalle. Sie wollte niemanden mehr an sich ran lassen, nicht näher als die Breite oder Länge der Sporthalle hergab.. Bewegten sich die Kindergruppe, die bereits schon mitten im Training war, in ihre Nähe, floh sie ebenfalls, Sie wollte niemanden in ihrer Nähe haben. Was hatte die Kleine so sehr in Aufregung versetzt?

Vor Beginn der Trainingszeit gab es Beschwerden über sie. Sie hätte dies und das gemacht. Alles sah für mich nach einen Ausraster aus und nicht zuletzt deshalb, weil die Mutter uns eine Info zukommen lies, bei der sie darauf hinwies, ihre Tochter wäre ab und zu schwierig im Umgang.

Nun war es also so weit. Bis data gab es keinen Vorfall, bei dem die Kleine aufgefallen wäre. Sie war neu in der Gruppe und ich sah sie gern an, weil sie ein echt hübsches Mädchen war. Einer ihrer Eltern kam nicht aus Deutschland, das war an den pechschwarzen Haaren und der dunklen Haut zu erkennen.

Das Kind, was in der Sporthalle vor uns davon lief, wirkte auf mich, wie ein Menschenkind das auf der Flucht war. Trotzdem musste ich darauf achten, dass sie nicht aus der Halle verschwand und vielleicht nach Hause flüchten wollte. Unsere Aufsicht als Trainer geht bis zum Ende der Trainingszeit und diese dürfen wir auch bei eine Konflikt nicht vernachlässigen.

Während meine Kollegin das Training weiter  fortsetzte, behielt ich die Kleine im Auge. Durch die Bewegung der Kindergruppe floh sie letztendlich aus der Halle. Ich musste ihr folgen und das nur, um sie zu bitten, sie möchte in der Halle bleiben und wenn sie kein Training mitmachen möchte, von der Zuschauertribüne ganz weit oben uns zuschauen.  Aber die Kleine floh durch die Gänge im Hinterland der Sporthalle. Sie versteckte sich in den Ecken oder in der Umkleidekabine. Auch wenn sie sich bedrängt fühlt, durfte und wollte ich sie mit ihrem aufgewühlten Gemüht nicht allein lassen .

Schließlich stoppte sie in  einem der Umkleideräume und lies mich nur ihre Hand sehen, der Körper verschwand hinter der Ecke. Ich versprach ihr, dass ich NICHTnäher kommen würde, wenn sie dort, wo sie jetzt ist, bliebe. Sie glaubte mir und blieb stehen. Ich erzählte ihr, dass  sie für mich immer ein hübsches Mädchen war, “aber heute sehe ich davon nichts mehr, von dem hübschen Mädchen” ich fragte sie, wo das hübsche Mädchen der letzte Tage geblieben war.  Sie begann zu weinen, konnte kaum sprechen. Ich sah nur ihre Hand und hörte ihre Stimme. So nach und nach erzählte sie mir von dem Streit, der sich beim Umkleiden in der Kabine ereignet hatte. Ein Mädchen der Gruppe hätte ihr die schwarzen Haaren und die dunkle Haus vorgeworfen. Sie weinte, der Raum bebte dabei, in dem sie sich aufhielt. Ich ging zu ihr und sie lies es zu. Mir wurde klar die Kleine fühlte sich verletzt und “rastete” deshalb aus.

Ich gab ihr zu verstehen, dass wir so etwas in unserer Gruppe nicht dulden werden und versicherten ihr unseren Beistand, wenn das noch einmal vorkommen würde. Mit ihr zusammen an der Hand kehrten wir in die Halle zurück, die Trainingsstunde war schon fast rum. Sie wollte auch die letzten Minuten nicht daran teilnehmen. Also lud ich sie ein, auf einer Matte in unserer Nähe zu sitzen. Das tat sie auch, versteckte aber immer noch ihren Körper hinter dem Sportgerät, das in der Nähe stand. Nebenbei erzählte sie mir, dass ihr Vater aus Indien wäre, sie ihn aber noch nie gesehen hätte. Sie wollte ihn auch nicht sehen, auch wenn er in Deutschlang lebt, erklärte sie mir mit großen Augen.  Ich dachte mir, daher könnte ihre Verletzlichkeit rühren.

Zügig informierte ich meine Kollegin, die das Training während meiner Abwesenheit leitete. Sie nahm die beiden Mädchen zusammen,  die während der Umkleidezeit aneinander geraten waren. Sie versprachen sich in die Hand, sich in Zukunft einander zu respektieren. Dem kleinen Mädchen versicherte ich noch einmal, dass sie uns vertrauen kann und ich denke, nach diesem Vorfall wird sie dies auch im Zukunft tun.

das Tal der Tränen

Nachdem ich gestern all meine Bloggerenergie für die Erstellung der Bildergalerie aufgebrauchte, komme ich heut wieder zum schriftlichen Teil meines Blogs.

Blog schreiben?

Warum schreibt alle Welt jetzt Blogs?  Soll jeder, der es will,  teilhaben können ? Am Leben des Bloggers, erfahren können, was in ihm vorgeht ,wie er über das Weltgeschehen denkt ?

Warum schreibe ich einem Blog? Warum mache ich mir die Arbeit, Gedanken auf das Papier bzw. in den virtuellen Editor zu bringen?  Ich kann den Gedanken doch einfach ihren Lauf lassen. Egal wohin sie sich bewegen?

Es gab Zeiten, ich schreib damals noch direkt auf´s Papier meine Gedanken, da floss all meine Schreibenergie in die Traurigkeit, die sich in mir wie ein morastiger Sumpf  ausbreitete. Jeden Tag schaute ich nach, was im Sumpf der Traurigkeit noch zu entdecken gab, ob wieder  etwas dabei war, was ich voller Inbrunst beweinen konnte. Verbal betrat ich eine Fläche, die anfangs noch Boden unter den Füßen hatte, nach wenigen Sätzen stand ich kniehoch im Sumpf meiner eigenen Traurigkeit. Die Bodenflächen wurden kleiner, die sumpfigen größer und gößer, irgendwann stand ich in einem See, der sich mit meinen Tränen anfüllte. Weinte ich die Tränen, die ich all die Jahre nicht weinte, hätte weinen sollen?

Nach den Niederschriften fühlte ich mich erleichtert. Der Sumpf lag wieder hinter mir. Aber nicht wirklich, denn am nächsten Tag kehrte ich wieder an den Ort meiner Tränen zurück. ja es zog mich wie unter Zwang wieder und wieder zurück zum morastigen Sumpf meiner Traurigkeit. Wie unter Zwang grub ich unterirdische Gräben zum Tal der Tränen.

Aber warum fiel mir denn nichts besseres ein, als über meine Tränen zu schreiben?

Es fiel mir nicht besseres ein. Denn mein Gefühl von Traurigkeit war so innig und stark, dass ich nicht von ihm lassen konnte. In ihm  konnte mich räkeln und baden und mein eigenes Leid beklagen. War es Selbstmitleid? Das fand ich damals nicht, ich anderer Meinung.

Meiner spirituellen Lehrerin erzählte ich von meinem dicken Tränen-Tagebuch und erhoffte mir ein Lob von ihr. „Du hast ja einen Berg vom Tränen vor dir aufgebaut“ antwortete die ernüchternd zu mir. Ich war sprachlos und fand ihre Worte zu hart. Aber trotzdem spalteten ihre Worte mein Inneres sofort vom Sumpf ab, es zog sich eine dornige Hecke um den Sumpf. den ich fortan nicht mehr betreten konnte, ohne an ihrer Worte zu denken. „Du baust deine Tränen auf“ Damit schloss ich das Tagebuch  und widmete mich dem Leben wie es real existierte mit allen seinen Erscheinungsformen in seiner ganzen Palette, in der es viel zu lachen aber auch zu weinen gibt. Die goldene Mitte war der Weg, denn ich fortan folgte.