Über die Brücke

Heimat bliebt Heimat und deshalb schlägt mein Herz immer höher, wenn ich wieder mal in Richtung Heimat fahre – auf die Insel Rügen. Wir Rüganer hatten damals noch einen anderen Namen für unsere Insel, wir nannten sie Rhabarberinsel. Warum? Das weiß der Teufel. Vielleicht, weil die Insel auf der Landkarte was von einem Rhabarberblatt hatte?

Als meine Eltern dort noch lebten, fuhr ich oft auf der Insel. Man kann es kaum glauben, aber keine noch so schöne Auslandsreise konnte in mir eine solche Vorfreude entfachen, wie die, wenn ich von Rostock auf die Insel fuhr, zu meinen Eltern. Auf der Strecke von Rostock nach Bergen/Rg. gab es markante Punkte, die meine Vorfreude weiter stiegen ließen. Stralsund, die vorletzte Station vor dem Rügendamm-Bahnhof, darauf folge der Rügendamm. Ich konnte es kaum erwarten, das Festland zu verlassen und über die Brücke auf die Insel zu fahren. Von dort aus waren es nur noch eine kurze Fahrzeit bis ich in Bergen auf Rügen aussteigen konnte. Ich war angekommen und hatte entspannte Tage im Elternhaus vor mir.

Aber das ist schon lange her. Nun fahre ich nur noch hin, wenn es jemand zu bestatten gibt. Und am 8. Januar war es wieder so weit. Mein Cousin, der kurz vor Weihnachten verstarb, wurde in seinem Heimatdorf beigesetzt, unter Corona- Bedingungen. Obwohl ich solch einem Tag lieber ferngeblieben wäre, sollte er doch ohne mich nicht stattfinden. Ich wollte meinen Cousin auf seinen letzten Weg begleiten. All die markanten Punkte, die ich im vorherigen Absatz beschrieb, ließen auf dieser Reise meinen Magen flauer werden. In Samtens wollte mein Bruder auf mich warten und wir würden gemeinsam zum Friedhof fahren.

Es durften ja nur 20 Trauergäste zur Trauerfeier kommen. So konnte nur der engste Kreis sich von meinem Cousin verabschieden. Kurz vor 14 Uhr erreichten wir den Friedhof. Aus dem Auto machte ich auf die Schnelle ein Foto vom Friedhofsgelände. Der Friedhof liegt auf einer Anhöhe mit Blick auf den Kleinen Jasmunder Bodden.

Nach kurzer Zeit hatten sich alle Trauergäste eingefunden. Ich hatte Mühe, sie zu erkennen. Sie trugen wie ich eine Maske, alle in dicke Wintersachen eingehüllt, mit dicken Schals und Mützen, die tief ins Gesicht gezogen wurden. Verstohlen sahen wir uns kurz in die Augen. Keine Umarmung, kein Trost und die Tränen verschwanden hinter dem Mundschutz. Die Feierhalle – weißes Gebäude auf dem Bild zu sehen – wurde nicht geöffnet. Wir versammelten uns vor dem Eingang und im Vorflur war die Urne aufgestellt und mit Bild, Blumen und Kerzen angemessen gestaltet.

Jemand von den Trauergästen nahm seine Trompete zur Hand und spielte für meinen Cousin ein letztes feierliches Ständchen. Er hielt anschließend auch die Trauerrede. Später erfuhr ich, es war sein bester Freund, den er schon zig Jahre kannte. Das war sehr persönlich und ging mir vielleicht deshalb besonders nahe. Er begann: „Du warst ein ewig suchender. Vielleicht hast du gar nicht mehr gewusst, wonach du suchst“ setzte er fort und beschrieb die Zeit, wie sie sie als Freunde verbracht haben und was sie all die Jahre zusammenhielt. Anschließend bat er uns Trauergäste, die Trauerrede mit eigenen Worten, wenn er wollte, zu vollenden

So sprach jeder am offenen Grab zu meinem Cousin. In mir stieg die Spannung. Das hatte ich noch nie getan, am offenen Grab mit dem Verstorbenen sprechen. Bisher hatte ich mich von meinen Lieben immer im stillen Gedenken verabschiedet. Ich war fast der Ohnmacht nahe, als ich am Grad stand und zu meinem Cousin sprach: „Wir haben zusammen einen Baum geplatzt. Das habe und werde ich nie vergessen“ Ich konnte nicht glauben, dass mein Cousin in der Urne lag, die ich tief versenkt im Boden sah. Bevor meine Knie weich wurden, warf ich ihm die Rose zu, dich ich mitgebracht hatte, eine Handvoll Erde und machte Platz für den nächsten Trauergast.

Jeder verabschiedete sich mit persönlichen Worten von ihm. Anschließend schickte sein Freund noch ein weiteres Ständchen auf seiner Trompete für ihn in den Himmel und die Trauergemeinde löste sich auf. Ich denke, dieser Ablauf ganz nach dem Geschmack von meinem Cousin, denn auf dem Heimweg sah ich wieder ein Zwinkern in seinen leuchtenden Augen. Und das ist auch das, was bei mir für immer in Erinnerung bleibt.

Doch so ganz vorbei ist das Trauerspiel in unserer Familie nicht. Nur 7 Tage nach meinem Cousin verstarb unsere Cousine und die nächste Beisetzung ist in Kürze

Nur noch Erinnerung

Es gibt Nachrichten, da ist es egal, wann sie einen erreichen. Sie werden nie auf den perfekten Zeitpunkt treffen. Egal, ob im laufenden Alltag, oder kurz vor dem Weihnachtsfest. Das Leben kennt keinen perfekten Zeitpunkt, Leben kennt nur den Lauf der Dinge, dem es unaufhörlich folgen muss, ohne Rast und ohne Ruh. Das Leben geht weiter und weiter, als wäre nichts geschehen. Ich gehe am Ende des Tages zu Bett und stehe am nächsten Morgen wieder auf, ganz selbstverständlich, für mich selbstverständlich. Doch ist das Selbstverständliche immer selbstverständlich?

Nur noch

  • ein paar Stunden und Weihnachten 2020 ist vorüber
  • 6 Tage und das Jahre 2020 ist Geschichte
  • 6 Monate und 12 Tage und ich werde schon wieder ein Jahr älter. Auf die Zahl, die mein Alter ziert, mag ich schon lange nicht mehr schauen
  • 14 Tage und stehe am Grab eines jüngst verstorbenen Familienmitgliedes

 

mein Cousin – der 2. Junge von rechts

Ich gehe, seit ich die Nachricht über seinen Tod erhielt, weiter jeden Abend zu Bett und beginne jeden Tag neu, mache Pläne für den Tag und für die Zukunft. Nur mein Cousin wird nicht mehr aufstehen, er kann seit dem 17. Dezember 2020 liegen bleiben und alles, was das Leben ausmacht, ohne ihn geschehen lassen. Er hat es hinter sich gebracht, das Leben. Nicht der Tod  hat ihm Angst gemacht, sondern das Sterben und das Warten darauf. Das Leben ist gnadenlos. Wenn es einen loslassen will, kann man seine Absicht nicht mehr durchkreuzen. Es lässt die Menschenseele ohne Hülle zurück, sie schwebt dann frei im Raum und friert, ohne Fähigkeit, mit der zurück gebliebenen Welt zu kommunizieren.

Alle frieren. Die, die gehen mussten, die die geblieben sind. Es wird still und der Mensch bleibt nur eine Erinnerung in den Köpfen, denen er nahestand. Auf dem Bild ist er mit Gleichaltrigen des Dorfes zu sehen, in dem wir aufgewachsen sind.

Meine Erinnerung an meinen Cousin ist eine intensive Zeit aus unseren Kinderjahren. Mir waren damals die Mädchen wegen ihrer Zickerei zu anstrengend. Mein Cousin war zwar kein Weichling, aber schon zu Kinderjahren zu nachdenklich und fand niemanden als wirklichen Freund. Also taten wir uns zusammen. Durchstreiften gemeinsam die umliegenden Waldgebiete. Brachten Eimerweise Walderdbeeren und Himbeeren nach Haus. Unsere Eltern kamen nicht mehr nach, um alle die Früchte zu konservieren. Und, das ist wirklich unvergesslich für mich, wir pflanzten zusammen einen Baum. Mit viel Mühe gruben wir einen jungen Kirschbaum im Wald aus und setzten ihm im Garten seiner Eltern wieder ein. Cool…wir pflatzen zusammen einem Baum. Das ist das, was sich bis heute in meinen Kopf fest verankert hat.

Unsere gemeinsamen Wege trennten sich, doch wenn wir uns trafen, philosophierten wir Nächte lang über Gott und die Welt. Er hatte keine Ansprüche ans Leben, schon gar keine materiellen. Daher führte er ein bescheidenes Leben, was die Macher in der Familie nur den Kopf schütteln ließ. Ich kann mit Fug und Rechts sagen, das ich zu den wenigen in der Familie zähle, die mit seiner Lebensform kein Problem hatte.

Das letzte Mal traf ihn meinen Cousin, als wir seinen Vater zu Garbe trugen. Das ist erst ein paar Jahre her. Meine Zeit war damals knapp und wir wechselten nur ein paar Sätze vor der Feierhalle auf dem Friedhof. Und da war es wieder, das Leuchten in seinen Augen, wenn er über das Leben sprach. Und wieder ging jeder in sein Leben zurück. Nur kurze Zeit später erfuhr ich von seiner verheerenden Diagnose, die ein Auf und nieder von Hoffnung und Verzweiflung nach sich zog. Am 8. Januar werde ich am selben Platz sein, an dem wir uns das letzte Mal sahen und nur ich werde in mein Leben zurückkehren.

Am Tages seines Todes sah ich ihn aber doch noch einmal. Aber nicht real. Ich lag im Bett, schlief aber nicht. Ich kann nicht mal sagen, ob meine Augen schon geschlossen waren. Mein Cousin stand vor dem Haus, in dem er sein Leben verbrachte und legte die Hand auf die Türklinke, als er zu mir rüberschaute. Er trug ein hellblaues Hemd und war in seinen Körper aus besseren Jahren zurückgekehrt. Noch einmal sah ich sein Leuchten in seinen Augen, dasselbe Leuchten, wie bei unserer letzten Begegnung. Er hatte sich auf seine Weise von mir verabschiedet.

große Reise ohne Rückkehr

Ich hatte mal vor einiger Zeit gelesen, dass es Menschen mitunter einfacher fällt, wenn sie in dem Moment allein sind. In dem Moment, wenn sie die Welt für immer verlassen. Vielleicht hat Jan Fedder sich deshalb entschieden, die Welt zu verlassen, wenn seine schöne Frau nicht zu Haus ist.

Man wusste ja aus den Medien, dass er zeitweise sehr krank war. Doch ich schöpfte Hoffnung, dass es mit ihm wieder aufwärts geht, als ich ihn kürzlich in einem Interview im Fernsehen sah. Mir fiel auf, dass seine Worte schnalzend klangen. Aber er war grade dabei zu erklären, warum es so war. Die Ärzte haben aber das bester daraus gemacht.

Doch das Jahresende hat er dann doch nicht mehr geschafft, ist noch vor Silvester gegangen. Der Aufschrei über seinen viel zu frühen Tod war deutschlandweit und er hinterlässt nicht nur seine trauernde Familie sondern auch eine große große Fangemeinde.

Ich sah Jan Fedder das erste mal nicht in seinen berühmten Klassikern – Das Boot und Großstadt-Revier – von denen heute immer die Rede ist, sondern in einer kurzen Fernsehproduktion. Sie lief vor vielen Jahren, daher erinnere ich mich an den Titel nicht mehr. Ein Schauspieler spielte in ein paar wenigen 10-Minuten-Kurzgeschichten immer die Hauptrollen, die dem Zuschauer nacheinander gezeigt wurden. Und jedes mal stellten dieser einen ganz anderen Charakter dar. Der Zuschauer bekam in kurze Zeit die breite Palette der Schauspielkunst zu sehen. Und Jan Fedder begeisterte mich damals über alles, denn seine Mimik in einer Szene ersetzten tausend Worte. Er hatte mir damit einen unvergesslichen Unterhaltungmoment geschenkt.

Ich könnte heulen, dass er schon viel zu früh gehen musste.

wie das Leben so spielt

Nur noch 3 Wochen, dann ist für mich das Trainingsjahr beendet. Neben dem Yoga bin ich ja noch im Kindersport unterwegs. Die jüngsten sind 3 Jahre und die ältesten 10 Jahre alt. Die meisten von ihnen kommen entweder selber oder werden von den Eltern, bzw. von den Erziehern aus den Tagesstätten in die Sporthalle gebracht. Andere wieder sammeln wir Trainer im Kindergarten eine und gehen mit ihnen in die Sporthalle, die fußläufig nach 20 Minuten erreicht ist.

Bei der Gelegenheit möchte ich meinen Hut vor den Erziehern ziehen, deren Job es ist, die lieben kleinen den ganzen Tag zu betreuen. Schon wenn ich an die Prozedur denke, wenn die Kinder sich ihre Sportsachen anziehen müssen. Das kann schon mal Ewigkeiten dauern, den Kinder sind schnell abgelenkt. Aber das ist es nicht allein. Die Wintersachen sind oft steif, die Reißverschlüsse der Anoraks lassen sich häufig nur schwer bewegen. Ein Kraftakt für Kind und Trainer oder Erzieher, jedes mal.

Zum Glück stehe ich nicht allein davor. Zum Kindersport müssen ab einer bestimmt Anzahl von Kindern immer 2 Trainer vor Ort sein. Und vor kurzem bekam ich , nachdem die Gruppenstärke wieder auf 20 gestiegen war, eine 2. Mann an die Seite gestellt. Ein netter junger Mann mit Format, der bis zum Beginn seiner Ausbildung sind im Kindersport nützlich machen will. Man sieht ihm das an, er kommt nicht aus Deutschland. Er spricht aber sicher deutsch und kann mit den Kindern gut umgehen. Ich glaubte, er käme auch Thailand und wäre ca. 25 Jahre alt. Gefragt hatte ich ihn aber nicht. Er ist auch als Sportler unterwegs. In seiner Heimat hätte er Kickboxen gemacht, so erzählte er mir. Aber in Rostock fand er keinen Sportverein dafür, also mache er „nur noch“ Boxen.

Später erfuhr ich von der Chefin des Vereins, das „M.“ erst 18 Jahre alt wäre und er seit 4 Jahren in Deutschland lebe. Er kam als unbegleiteter Minderjähriger aus Syrien nach Deutschland. Seine Familie sei bei einem Angriff gestorben. Alle weg. Ich war sprachlos und ich fragte mich, was ein Mensch alles aushalten kann, wenn er muss. Wenn ich an meine eigene Jugend denke und an die Jugend meiner Kinder in seinem Alter. Wir hatten nur „Grappen“ im Kopf, wie es bei Teenager halt so ist. Und dieser Junge hatte das schlimmste erleben müssen, was Mensch nur erleben kann. Den Verlust seiner ganzen Familie. Ihn hat das Leben jedenfalls böse mitgespielt. Und nun baut er sich ein Leben in Deutschland auf. Er will Tischler werden und damit kann er später in seiner Heimat eine Menge anfangen.

Als ich am selben Tag in einer Poststelle darauf wartete, dass ich dran kam, wurde ich ungewollt Zuhörer eines Gespräches zwischen Postkunden und der Angestellten. Er regte sich auf, weil er sein Paket von der Poststelle abholen musste. Irgendwas muss ja schief gelaufen, sonst hätte er sich mit seinem Gezeter nicht so lange aufgehalten. „Und dann kommen da noch Zusteller, die kaum deutsch sprechen“ bemerkte er.und er würde ihnen schon beibringen, wie man zustellt und deutsch spricht. Dabei konnte ich zusehen, wie sein Kamm im Nacken schwoll und höher und höher wurde. Seine Arroganz hatte noch Wachstumspotential. Er macht aus einen Furz einen Kanonenschuss und glaubt, dass das Leben ihm böse mitspielt.

Die Anstellte zog sichtlich den Kopf ein, versuchte dabei nicht, den Kunden zu widersprechen. „Sie und wir müssen es dann ausbaden“ Ich fragte mich, was wir wirklich ausbaden müssen und was so schlimm daran is wenn wir unser Päckchen nicht so pünktlich in die Hand bekommen, wie wir uns es vorgestellt haben.

Achja..allen Bloggern einen schönen 1. Advent.

Rostock in Trauer

Die Nachricht nahm gestern jeder Rostocker mit Traurigkeit auf. Jetzt wird der Spielmann-Opa das Stadtbild nur noch in der Erinnerung derer prägen, die ihn mit seinem Akkordeon im Stadtzentrum erlebt haben. Für die Rostocker war er sowieso ein Vertrauter und die Touristen machten gern ein Foto von ihm. Er gehörte ebenso zum Stadtbild wie der Brunnen der Lebensfreude.

Bildquelle: Wikipedia – Klick Bild

Als ich am Freitag über den Platz ging, auf dem der Spielmann-Opa seinen Standort hatte, musste ich daran denken, das sich ihn schon lange nicht mehr gesehen hatte. Ich nahm an, die Hitze würde ihn davon abhalten, mit seinem Akkordeon-Spiel die vorbeigehenden Menschen zu unterhalten. Leider verstarb an dem Tag der Mann, der sich zu seinem 95. Geburtstag gemeinsam mit dem Rostocker Rapper Materia in das Ehrenbuch der Stadt eintragen durfte und ein kleines Denkmal bekam er auch.

Die lokalen Medien informierten gestern die Bürger der Stadt darüber und wer wollte, konnte auch seine Gefühle über die Nachricht mitteilen. und auch das NDR-Fernsehen hatte an ihn gedacht und seiner gedacht.

Ruhe in Frieden Spielmann-Opa. 😦 Ich bin sicher, du wirst weiter deinem Spiel Musik machen und für die Engel im Himmel spielen.

 

Gruß aus dem Jenseits

Ich hab geträumt heut Nacht. Nein, nicht heute Nacht. Ich wurde wach und musste aber noch nicht aufstehen. Ich bin nur Frühaufsteher, wenn die Umstände das von mir verlangen. Haben sie heute aber nicht, heute ist Samstag. Also drehte ich mich wieder auf die Seite und schlief noch ein weiteres Stündchen in das Wochenende hinein. Deshalb träumte in der zweiten Runde meines Schlafes. Aber wie es mit den Träumen so ist, kaum hat man die Augen auf, schon sind sie ins Nirwana verschwunden. Zumindest für den ersten Teil des Tages.

Der Traum wollte wohl doch nicht unvergessen bleiben und brachte sich doch noch in Erinnerung. Ich war grade mit schwerem Einkauf über den Schulter hängend auf dem Heimweg vom Supermarkt. Wie aus dem Nichts kam ich eine Sequenz meines Traumes wieder in den Sinn.

Ich hatte von meinem Ex-Mann geträumt. Vor 2 Jahren lag er schwer erkrankt in der Klinik und verstarb nach wenigen Tagen dort. Ich war die letzte, die ihn noch lebend sah und war entsetzt, wie sehr die Krankheit ihm zugesetzt hatte. Auf den ersten Blick erkannte ich ihn nicht, auf den zweiten Blick auch nicht, erst auf den dritten Blick erkannte ich ihn an den Haaren. Doch ich war froh, dass ich ihn noch verabschieden konnte, auch wenn er nicht mehr bei Bewusstsein war. Unsere zwei gemeinsamen Kinder hatte uns für immer verbunden, auch wenn wir unser Leben nach 13 gemeinsamen Jahren getrennt verbrachten.

Zwei Jahre nach seinem Tod meldete er sich heute morgen wieder in meinem Traum zurück. Er war der junger stattliche Mann, den ich damals heiratete. Er hatte grade die 30 erreicht und ich war Mitte 20.. Damals fragte er mich, ob ich mir vorstellen könne, wie man sich fühlen mag, wenn man dem Tode nahe ist. Wir gingen logischer Weise davon aus, dass wir das Greisenalter erreichen würden, bevor das Thema aktuell werden würde. Hatte er ein Fünkchen Angst vor dem Tod? Ich antwortete unbekümmert: „Ich denke, das man sich dann unendliche müde fühlen würde und man froh wäre, dass man endlich die Augen schließen könne“ Ich verglich ein Menschenleben mit einem langen beschwerlichen Arbeitstag, an dem man am Ende des Tages todmüde ins Bett fallen würde. Das beruhigte meinen damals noch jungen Mann. Er legte sich ins Ehebett und schlief beruhigt ein. 7 Jahre später schlief jeder in seinem Bett, jeder an einem anderen Ort. Niemand von uns beiden konnte den anderen mehr verstehen und den Zusammenbruch der Ehe aufhalten. Einer hatte Groll auf den anderen, über viele Jahre lang. Aber der Tod verändert noch einmal alles.

Im Traum begegneten wir uns, als stünden wir noch am Anfang unsere Ehe. Er sah wirklich gut aus. Warum war mir das damals nicht aufgefallen? Vielleicht weil seine Gesichtszüge keine Groll mehr zeigten. Wir tauschten uns kurz über unsere missglückte Ehe aus. Weder er noch ich hatten einen Groll aufeinander, so dass alle bisher gemachten üblen Nachreden vom Winde verweht wurden. Ich erzählte ihm, dass unsere Kinder unser damals gemeinsam gebautes Haus verkaufen und ich seinem Esstisch, 4 Stühle und Waschmaschine übernommen hätte. Er war zufrieden, dass einige seiner Möbel in meinem Haushalt eine zweite Chance bekommen hätte. ER schwand dann wieder aus meinem Traum und ich wurde ein zweites mal wach.

Fast jeder Verstorbene meiner Familie tauchte ca. 2 Jahre nach seinem Tod in meinen Träumen auf, als wollte er mir zeigen, dass es ihm auf der anderen Seite gut gehen und ihr geschundener Körper wieder jugendlich frisch aussieht.

Vielleicht zeigen mir die Träume auch an, dass die Trauerarbeit über ihren Verlust in meinem Inneren abgeschlossen ist. Wenn letzteres der Fall ist, dass trage ich noch einen unerledigten Trauerfall in meinem Herzen, weil mein Groll dies verhindert ?

Dem Himmel so nah

Ich erinnere mich noch genau an dem Moment, als ich von der schrecklichen Nachricht erfuhr. Die Erde schien deshalb still zu stehen und die Menschen hatten nur noch Gesprächsthema, der Tod von Lady Di.

Ich arbeitete damals in der Immobilienbranche. Ende August, Anfang September fand in Rostock die Immobilienmesse statt und es war Sonntag. Ich war an dem Tag Standbetreuer für unsere Baufirma. Ich machte mich schon früh auf den Weg ans andere Ende der Stadt. Damals war man nicht permanent online, wie heute, als bekam ich bis zu meinem Eintreffen in die Messehalle nichts von den neusten Nachrichten mit. Auch am Morgen hörte ich weder Radio oder hatte vielleicht die Flimmerkiste laufen. Nichts dergleichen. Für mich war die Welt noch so,wie sie am Tag zuvor war.

In der Messehalle angekommen, begrüße mich mein Kollege mit den Worten: „Weißt du noch nicht, was passiert ist ?“ Er stand vor mir, die Arme vor dem Brustkorb verschränkt und schaute mich fragend an. „Nein, weiß ich nicht. Was ist denn passiert?“ „Lady Di ist tot“ er sah immer noch bestürzt aus. Mein Kollegen kannte ich als jemand, der sich nicht mit Yellopress und Königshäuser beschäftigte, diese Themen waren ihn zu banal und klatschträchtig. Aber der Tod von Lady Di muss ihn tief getroffen haben.  „Nein, das glaube ich nicht“ Ich erinnerte mich noch an den letzten Zeitungsartikel, denn ich über Lady Di las. Man veröffentlichte Urlaubsbilder. Lady Di war im Badeanzug zu sehen und saß auf dem Dach einer Yacht. Ich hatte sie gestern doch noch „gesehen“, wie kann das sein?

Bis heute ist mir der Moment noch genau in Erinnerung, als ich das erst mal vom Tod Dianas hörte.

Was die Welt erschütterte, konnte ich noch nicht glauben Erst als ich am Abend die Nachrichten dazu sah, begriff ist, dass das Unglaubliche doch passiert war Jeder, aber auch jeder Sender beschäftigte sich mit Dianas Tod. Und ich sah mir alle Beträge an, die ich zeitliche nacheinander sehen konnten. Ich hoffte, das ein Sender den Menschen sagen konnte, Diana hat den Unfall doch überlebt und ist auf den Weg der Besserung. Ich hoffte, man könnte die Zeit zurück drehen und die Fahrt würde im 2. Anlauf doch nicht tödlich verlaufen. Dem war aber nicht so.. was die Welt nicht glauben wollte. war passiert. Nach einer Woche kam die schreckliche Nachricht dann auch in meinem Innersten an.

Die Königin der Herzen  hat für immer die Welt verlassen

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für immer verlassen

„Das ist mit K. letzten Sommer ja auch schnell gegangen” Ich traf nach ewigen Zeiten zufällig eine Bekannte auf der Straße. Wir hatten uns ein gutes Jahr nicht mehr gesehen. Und wie das so ist, bringt man sich auf die Schnelle  über die Ereignissen der vergangen Zeit auf den Laufenden.

Ich erzählte vom dem fatalen Treppensturz meine Sohnes, den es nach 9 Wochen Reha erst wieder nach Hause brachte und am kommenden Montag zu seinem Arbeitsplatz bringen würde. Und meine Bekannte brachte mich über K. auf dem laufenden. Sie kennt K. vom Line-Dance und ich kenne K. seit 30 Jahren. K. wohnt im Nachbarhaus und war der Mann einer früheren Kollegin. Wenn K. und ich uns vorm Haus trafen, gingen wir nie an einander vorbei, ohne ein paar Worte zu wechseln. Wir hatten eines gemeinsam. Wir zogen mit unseren Familien in den damals grade fertig gestellten Wohnblock, der zum Teil noch Baustelle war. 30 Jahre teilten den selben Ausblick aus unseren Wohnungen

Fast alle Mieter von damals suchten schon das Weite. Neubaublöcke waren zu DDR Zeiten noch beliebt, nach der Wende versuchten sehr viele wieder in die Innenstadt zu komme. Nur K. und ich gehörten nur noch zu “Erstausstattung”. Wir hatten also eine gemeinsame 30 jährige Geschichte.

Auch wenn ich K. nicht persönlich vor dem Haus traf, ich wusste, wann er zu Hause war und wann nicht. Der fuhr seit einer gefühlten Ewigkeit den orange farbenen Transporter names “…Sonnenschein” , wie auf dem Foto zu sehen ist. K. brachte damit behinderte Kinder von A nach B.

Doch was geschah mit K.. Was ging im letzten Jahr mit ihm so schnell? Ich ahnte nichts gutes.”Du willst doch nicht etwa sagen…“? , Was ich ahnte aber nicht zu glauben wagte und schon gar nicht aussprechen, Sie bestätige mir. “Ja. es stimmt. K. ist letztes Jahr überraschend verstorben. Von jetzt auf Gleich, sozusagen” Das war wirklich eine Schreckendnachricht für mich, denn K. war ne ganze Ecke jünger als ich.  Und das Schlimme für mich war, ich hatte es nicht bemerkt. Denn erst  just in dem Moment, als ich von seinem Tod erfuhr, fiel mir auf, dass ich K. nicht mehr gesehen und schon gar nicht mehr gesprochen hatte und das das  der orangene Transporter auch nicht mehr auf dem gewohnten Platz stand. Mit einem mal begriff ich, K. war tot, . K. wahr schon vor einem Jahr gegangen. Das kann doch nicht wahr sein, aber es war so. Grade vor ein paar Tagen hatte ich Sohnemann mit einem Schmunzeln erzählt, wie K. sich eine Freundin nach der anderen aus dem Internet geholt hatte.

Weil ich K. schon so lange kannte, wusste ich auch einiges aus seinem Privatleben,. Es war nicht einfach. Als ich seiner gedachte, fiel mir auf, das er im Grunde ein verlassenes Kind und später ein verlassener Mann  war. Erst verließ der Vater die Familie, damals war  K.  noch ein Kind.. Darauf hin stürzte die Mutter sich in Alkohol, vom dem sie Zeit ihres Lebens nie wieder weg kommen sollte. Nach seiner Familiengründung, aus dem 2 Kinder hervor gegangen sind, verließ seine Frau nach 7 oder 8 Jahren Ehe ihn. Kurze Zeit später brach seine geliebte Tochter den Kontakt mit ihm ab und verweigerte damit auch den Kontakt zu seinem Enkelkind.

Seither bemühte K. sich um eine Partnerin, was im Internetzeitalter dem Single gar nicht mehr so schwierig ist, Datingportale gibt es ja genug und so sah ich K. immer mal wieder mit einer “Neuen” im Arm, sie wechselten aber immer.Die letzte Frau, von der er mir erzählte, war alkoholabhängig und K. glaubte, sie vor dem Untergang retten zu können. Und K. erzählte mir, wie traurig er war, weil seine geliebte Tochter eine Großmutter “mietete”, die auf ihr Baby aufpassen sollte. K. erfuhr darüber über das lokale Fernsehen. Damals startete man ein Projekt in der Stadt, bei dem Omas oder Opas auch sich um Kleinkinder kümmern würden, wenn die Jungeltern keine Zeit hatten. K. tat mir unendlich leid. Er war wirklich von allen verlassen worden, die zu seiner Familie gehörten.

Ich hoffe für K., dass er trotz alledem auf seine Weise glücklich geworden ist, denn ich erlebte ihn nie niedergeschlagen

Ruhe in Frieden K. Sad smile

nur schwer zu fassen

Ich zermartere mir grade das Hirn und finde darin nur den einen Satz „Wenn du nicht weißt, worüber du schreiben willst, dann lass es sein“ Es einfach lassen, das wäre eine Möglichkeit. Immerhin konnte ich diesen Satz aus meinen Hirnwindungen ziehen. Hat Goethe den bedeutenden Satz gesagt? Ich weiß es nicht genau, aber einer von den großen Dichtern hat es gesagt. Dennoch verharre ich weiter vor dem „unbeschriebenen Blatt“ und warte auf das, worauf sich mein Kopf einschießen könnte

Komisch, warum halten sich bestimmte Sätze in einem Kopf auf der 1.Seite meines Gedächtnisses und andere wieder fallen einfach durch ein Sieb? Werden auf nimmer Wiedersehen verschüttet? Nach welchen System ordnet mein Kopf die Dinge, an die ich mich schnell wieder erinnern oder besser schnell wieder vergessen sollte  Ich habe keine Ahnung, aber es geschieht. Mein Kopf sortiert vor „Die guten ins Töpfchen, sie schlechten ins Kröpfchen“

Und es gibt Ereignisse, die sich für immer in Erinnerung fest einschreiben und sich nicht über das Sieb für Grobes verschütteln lassen. Das Jahr 2016 hatte einiges davon. Nicht nur in den Reihen des Promis hat der Sensemann gewütet, nein, auch in den eigen Reihen hat er seine Sense eingesetzt. Gleich zwei Männer hat es im letzten Jahr getroffen.

Ich nenne sie  „Ernst“, weil sie beide die selben Vornamen tragen Der ältere Egon zog sich im Geiste schon vor Jahren zurück. Er erkrankte an Demenz und vielleicht war sein Tod auch eine Erlösung für ihn. Aber Kafka brachte es auf den Punkt.

Man sieht die Sonne langsam untergehen und erschrickt trotzdem, wenn es passiert ist

Selbst wenn man auf den Tod vorbereitet ist, man erschrickt und ist bestürzt, wenn es doch passiert. Im Sommer verstarb der Vater unserer Kinder.

Was mag im Menschen vor sich gehen, wenn er auf dem Tod eines nahen Angehörigen nicht vorbereitet ist?

Wenn dieser am Morgen wie jeden Tag zur Arbeit geht, den Nachmittag aber nicht mehr überlebt? Wenn ihm sein Leben gewaltsam durch einen anderen genommen wurde? Durch einen, oh meine, durch 10 Schüsse wurde den Mann das Leben genommen. Mir fällt kein Gefühl dafür ein, das in solch einem Moment  vorherrschend sein kann. Selbst Entsetzen und Bestürzung ist zu milde ausgedrückt. Ist es Wut, Hass, Rache, Ohnmacht, Trauer? Ich denke, eine Überlagerung all dieser Gefühle und die Verarbeitung der blutigen Tat  hat für die Angehörigen noch gar nicht beginnen können. Der Getötete, der Schwager meiner Schwester, wurde aus dem Leben gerissen werden, das hatte ein anderer für ihn entschieden.

Jetzt weiß ich, warum ich vorhin so schwer in die Gänge kam. Ich wollte über den Tod schreiben und dieses Thema fließt nicht so locker flockig über die Tastatur. Ich  konnte noch nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Mit Schreckenstaten hat sich das Jahr 2016 verabschiedet und mit Schreckenstaten hat das Jahr 2017 begonnen.