Neuer Blick

Ich war das erste mal mit einem Rollstuhlfahrer in der Innenstadt unterwegs und nach kurzer Zeit nahm ich auch all die anderen Rollstuhlfahrer wahr, die in Begleitung oder auch allein unterwegs waren. Einige kamen mit ihrem Gefährt flott um die Ecke, andere bewegten sich vorsichtig damit durch die Menschenmenge.

K…… wartete mit seiner Lebensgefährtin vor seinem Haus auf mich. Dank WhatsApp kann man das Timing bis kurz vor der Ankunft präzisieren. Ich übernahm K. 😄, seine Lebensgefährtin nahm frei. Um den Rollstuhl in der Straßenbahn so zu buksieren, das auch noch andere Fahrgäste im Gang daran vorbei kommen, daran müssen wir noch üben. 🥴🤩

Während der Fahrt in die Innenstadt rief ich die andere Bekannte an, sie wollte am „Brunnen der Lebensfreude“ auf uns warten. Als wir eintrafen, begrüßte sie K…. herzlich und freudig. Sie wurde vor 2. Jahren auch von einer harten Diagnose getroffen, Multibke Sklerose. Sie nahm diese ohne klagen an, passte ihr Leben an, dazu gehört auch Spore. Sie gehört für mich zur Kategorie „wertvoller Mensch“, weil sie mich immer wieder durch ihren klaren Sachverstand beeindruckte.

Zu dritt steuerten wird auf das EisCafe zu. Ich dachte so bei mir: „Der Mann hat es gut. Drei Frauen kümmern sich um ihn „😄 😄 Wie erwartet war die Stadt voller Menschen und die Plätze im Außenbereich vom „Milano“ knapp. Aber lange mussten wir nicht warten. Das Wetter war gut, ein Gemisch aus dicken Wolken und Sonne. Wenig später stand vor jedem von uns ein großer Eisbecher vor der Nase.

Während unserer Unterhaltung fand K…. wieder zu seinem alten Charme zurück, steuerte zur spaßigen Unterhaltung auch mal den einen oder anderen Witz bei. Das war K., wie wir ihn aus vergangenen Zeiten kannten, dafür aber ohne Schnauzbart, jedoch mit Brille und Rollstuhl. 😄 Vielleicht hat er auch für einen Moment seine körperliche Behinderung vergessen.

Für uns alle überraschend übergab ein fremder Mann uns beiden Frauen je eine langstielige gelbe Blume. Ich sah ihn verwundert misstrauisch an. Niemand hat was zu verschenken. Der Blumenspender wird sicher über unsere verwunderten Gesichter geschmunzelt haben. Was ich nicht sah, sahen die anderen beiden. Er kam von einem InfoStand der „Grünen“. Klar, wir sind ja mitten im Wahlkampf. Er übergab uns Frauen aber nicht die Blume, damit wir die Grünen, sondern „Weil sie sich umeinander kümmern“

Einen besseren Abschluss hätte dieser Ausflug nicht finden können 🤗🤗🤗

Lange vorbereitet

Heute stelle ich mich der harten Realität des Lebens, auch wenn mein Vorhaben eher harmlos klingt. Ich werde einen netten Mann zum gemeinsamen Kaffee trinken „entführen“. Den kleinen Ausflug haben wir terminlich 3 Monate vorbereitet. Heute hat jeder von uns die Zeit.

Bis vor 2 Jahren war er mein Quotenmann in einer Yoga Gruppe, bis ein Schlaganfall ihn vor im Juni 2019 seinem alten Leben ein Ende setzte.

Seit dieser Zeit kämpft er sich nun Stück für Stück mit kurzen Babyschritten ins Leben zurück. Doch ohne Hilfe von außen ist sein Leben nicht mehr möglich.

Nachdem er damals aus der Gruppe von Null auf Jetzt verschwand, hielt uns seine Lebenspartnerin über seinen gesundheitlichen Zustand auf dem Laufenden. Sie ist ebenfalls Mitglied der Gruppe. So konnte ich ihrem Gesicht ansehen, das sie immer mal wieder ein mentales Tief durchlief.

Im Mai besuchte ich beide zu Haus. Er kam mir mit freundlichen Augen strahlend im Rollstuhl entgegen. Dieser gibt ihm wieder etwas von der alten Freiheit zurück. Und da alle Verkehrsmittel in Rostock barrierefrei sind, werden wir heute das Wohngebiet gemeinsam verlassen und ins Stadtzentrum fahren. Dort wartet schon eine weitere Frau aus der Gruppe auf uns. Ich hoffe nun auf Sonnenschein und gute Laune und was genau so wichtig auf freie Plätze im Außenbereich vom Café. So können wir ihm zeigen, dass er trotz seiner Abwesenheit nicht aus unseren Köpfen verschwunden ist.

Das kann dauern

Schöner Ausblick. Das Foto machte ich heut Vormittag im Amtsgericht Rostock aus der oberen Etage. Ja..man hatte mich vorgeladen, aber nicht, weil ich was ausgefressen hatte, sondern weil ich vor fast einem Jahr Zeuge eines Unfalls war.

Heute sollte der Fall vor Gericht verhandelt werden. Für mich war das eigentlich ein klarer Fall. Der Unfallgegner hat den gravierenden Fahrfehler gemacht. Den Unfallhergang kann, wenn ihn nachlesen möchte, über den oberen Link gehen. Aber der Unfallgegner sah das anders. Seiner Versicherung erzählte er, meine Kollegin wäre zu schnell unterwegs gewesen, später erzählte er, sie wäre auf seiner Fahrbahn gewesen. Hm? Das wird ja immer schöner. Ich saß ja daneben und kann bezeugen, weder das eine noch das andere noch der Wahrheit entsprach. Aber die Versicherung vom Unfallgegner folge seinen Angaben und sah die Schuld an den Totalschaden ihres Wagens auch bei meiner Kollegin. D.h. sie bekam für einen Neuwagen nur ein Drittel des Kaufwertes überweisen. Aber das wollte sie auch nicht auf sich sitzen lassen. Heute beschäftigt sich das Gericht damit.

Ein stämmiger Richter ging zügig auf den Verhandlungssaal zu. Seine Anwaltsrobe ließ ihn noch stämmiger aussehen. Unter dem Arme ein dicker Ordner, zwei Herren mit Ordnern unter dem Arm folgten ihm, die Rechtsanwälte der Parteien. Ich sah das erste Mal in meinem Leben einen echten Verhandlungssaal. Bis Dato kannte ich nur solchen einen Saal auf dem TV. Und ja.. Der Richter sitzt erhöht auf einem Podest. Er sieht nach unten und wir sahen zu ihm auf, als er uns Zeugen belehrte, dass wir in unserem eigenen Interesse die Wahrheit zu dem Fall sagen sollten, sonst würden wir uns strafbar machen. Etwas einschüchternd, aber ja, ich hatte auch nicht vor, etwas zu an dem, was ich als Unfallzeuge wahrnahm, zu verändern. Der Schreckmoment hat sich in mein Gehirn gebrannt.

Nach der Belehrung musste ich den Verhandlungssaal verlassen. Der Richter würde mich wieder dazu holen. Eine gute halbe Stunde war es dann so weit. Ein Stuhl stand in der Mitte, zwischen Richter und Rechtsanwälte und Streitparteien. Puh..ich stand jetzt im Mittelpunkt und durfte meine Geschichte erzählen und das tat ich auch. (sieh verlinkten Blogeintrag) Die eine oder andere Frage wurde noch gestellt, um eventuell noch ein paar zusätzliche Informationen zu bekommen. Jeder meiner Antworten konnte ich begründen. Nachdem ich alles erzählt hatte, sprach der Richter alles, was ich ausgesagt hatte, in sein Diktiergerät. Er hatte sich alles gemerkt, was ich erzählt hatte, sogar meine Kopfbewegung nach links, die erwähnt hatte. Es gab nichts, was ich hätte korrigieren müssen, weil ich mich falsch verstanden glaubte.

Der Richter übergab das Wort den Rechtsanwälten. Falls sie noch Fragen an mich hätten. Und der Rechtsanwalt der Gegenpartei hatte noch eine Frage an mich. „War das Fahrzeug schon in Bewegung, als sie es wahrnahmen, oder stand es noch?“ „Nein, es stand noch“ und ich begründete auch warum und woran ich meine Behauptung festmachte. „Ich sah auf die seitliche Heckscheibe des Kombis und der Abstand zu den davor stehenden Autos veränderte sich nicht.“ Auch meine Begründung nahm der Richter in sein Protokoll auf. Ich wurde entlassen und musste mich für keine weitere Befragung zur Verfügung stellen. Erst später wurde mir klar, warum mir der Rechtsanwalt diese Frage stellte. Wäre ich mir nicht sicher gewesen, ob das Fahrzeug sich schon in Bewegung gesetzt hatte oder nicht, dann hätte das auch meine Kollegin belasten können.

Ich nahm an, nach der Verhandlung wird auch das Urteil gefällt. Aber nein, das kann dauern. Jetzt wird alles, was über das Gericht ausgesagt wurde, an Gutachter weiter geleitet und die entscheiden, wer der Unfallverursacher ist und wer Unfallkosten zu tragen hat.

„Geduld ist das Ausdauertraining für die Hoffnung!“

Gerhard Uhlenbruck