Lange vorbereitet

Heute stelle ich mich der harten Realität des Lebens, auch wenn mein Vorhaben eher harmlos klingt. Ich werde einen netten Mann zum gemeinsamen Kaffee trinken „entführen“. Den kleinen Ausflug haben wir terminlich 3 Monate vorbereitet. Heute hat jeder von uns die Zeit.

Bis vor 2 Jahren war er mein Quotenmann in einer Yoga Gruppe, bis ein Schlaganfall ihn vor im Juni 2019 seinem alten Leben ein Ende setzte.

Seit dieser Zeit kämpft er sich nun Stück für Stück mit kurzen Babyschritten ins Leben zurück. Doch ohne Hilfe von außen ist sein Leben nicht mehr möglich.

Nachdem er damals aus der Gruppe von Null auf Jetzt verschwand, hielt uns seine Lebenspartnerin über seinen gesundheitlichen Zustand auf dem Laufenden. Sie ist ebenfalls Mitglied der Gruppe. So konnte ich ihrem Gesicht ansehen, das sie immer mal wieder ein mentales Tief durchlief.

Im Mai besuchte ich beide zu Haus. Er kam mir mit freundlichen Augen strahlend im Rollstuhl entgegen. Dieser gibt ihm wieder etwas von der alten Freiheit zurück. Und da alle Verkehrsmittel in Rostock barrierefrei sind, werden wir heute das Wohngebiet gemeinsam verlassen und ins Stadtzentrum fahren. Dort wartet schon eine weitere Frau aus der Gruppe auf uns. Ich hoffe nun auf Sonnenschein und gute Laune und was genau so wichtig auf freie Plätze im Außenbereich vom Café. So können wir ihm zeigen, dass er trotz seiner Abwesenheit nicht aus unseren Köpfen verschwunden ist.

Neue Herausforderungen

In MV ist der Schulbetrieb schon die 3. Woche im vollen Gang. Mit dem beenden der Sommerferien nehmen auch die Sportvereine ihre Tätigkeit auf. Im YogaBereich haben während der langen Lockdown Zeit nur wenige den Verein verlassen. Es hat sich also für mich und den Verein in der Vergangenheit gelohnt, aus der Gruppe eine Gemeinschaft werden zu lassen, d.h. Sie fühlen sich in der Gruppe zu Hause. Dafür zahlten sie monatlich ohne Murren die laufenden Beiträge. Und ab Freitag darf ich eine weitere Yogagruppe aufbauen. Ein neuer Anfang, der für mich Zeichen setzt.

Der Kindersport läuft auch wieder, mit den ganz kleinen und den 6-10 Jährigen. Letztere sind ab diesem Jahr eine Herausforderung für mich. Im Kindersport müssen ab 15 Teilnehmer immer 2 Trainer vor Ort sein. Doch meine Kollegen ist, was den Vereinssport betrifft, in Rente gegangen. Sie war sehr beliebt und ich muss diese Lücke für sie jetzt füllen.

Wie der Gastronomie die Mitarbeiter während des Lockdown ausgegangen sind, fehlen auch in den Vereinen zur Zeit Trainer aus unterschiedlichensten Gründen. D.h. für mich, ich stehe erst mal allein vor der Kindergruppe, mit Jungs, die viel Freude am balgen haben. Ist man da als Trainer nicht fokussiert, tanzen sie einem schon mal auf dem Kopf rum und bei meiner Körpergröße von 1.54 m ist das für Sie kein Problem 😄 Nur mit Fokus und Selbstvertrszen kann Frau in der Kindergruppe seinen Mann stehen.😄

Doch ich habe festgestellt, dass die zurückliegenden Zeit etwas auch etwas positives mit den Kindern gemacht hat. Sie sind nicht mehr so überdreht, wie vor der Pandemie und das macht mir das Arbeiten mit ihnen leichter 🙏😄

eine diffuse Angst geht um

Auch bei meinen Yogis gibt es die unterschiedlichsten Auffassungen im Umgang mit der Pandemie und den staatlich angeordneten Maßnahmen. Während der eine Angst davor hat, dass wirtschaftlichen Folgen eine langanhaltenden Lockdowns seinen Wohlstand auffressen wird, hat die andere Angst um ihren Ehemann, der wegen zahlreicher Vorerkrankungen durch das Virus besonders gefährdet ist und so geht es weiter und weiter. Jeder hat zur Zeit mit seinen eigenen Ängsten zu kämpfen und nicht selten wird die Frustration, die aus der Angst entsteht auf die Politik projiziert und diese bekommt Attribute wie machtgierig, egoistisch, unfähig, dumm, dämlich und und angehängt. Und während er eine seine „Bewertung zur Lage“ ausgesprochen hat, fühlt sich der andere davon angegriffen. Deshalb wandte ich mich gestern mit einer WhatsApp-„Apell“ an meine Yogis.

Liebe Yogis, das SpringBild steht zur Zeit auch symbolisch für den Umgang mit der Pandemie in unseren Menschenköpfen. Der erste Blick lässt mich auf dem Bild entweder eine junge oder eine alte Frau sehen, eine Schöne oder eine Hässliche. Jedoch ist es uns nicht möglich, beide Bilder gleichzeitig zu sehen. Die Wahrnehmung der äußeren Welt trifft dabei auf eine innere Landkarte, die Schlussendlich entscheidet, wie die äußere Welt in unserem Inneren modelliert wird. Und je nachdem, was ich in dem Bild sehe, ich werde meinen Blick darauf schärfen, damit nicht das Bild im Bild meine Wahrnehmung stört.

Ähnliches spielt sich zur Zeit in der Gesellschaft im Umgang mit den Maßnahmen zur Eindämmung der Infektion ab. Während der eine sieht, dass der Staat seiner Fürsorgepflicht nachkommt, sieht der andere darin eine Beschneidung der seiner persönlichen Rechte, ja sogar die Gefahr, das die Demokratie im Land schweren Schaden nimmt. Die Welt um uns herum ist für alle gleich, jedoch entwirft sie durch unsere individuelle Wahrnehmung auf unsere innere Landkarte die unterschiedlichsten Bilder der innere Welt.

Die unterschiedlichsten Reflexionen der realen Welt treffen zur Zeit aufeinander und jeder ist bemüht, die Kontur seines wahrgenommenen Bildes nachzuzeichnen, um diese hervorzuheben, damit es sich vom anderen Bild absetzt. Doch ist das sinnvoll für unsere gemeinsame Zukunft nach der Pandemie? Die Frage ist, wann und warum ich mich angegriffen fühle, wenn mir jemand das andere Bild im Bild nahe bringen will?


Yoga besteht nicht nur daraus, täglich Yogaübungen zu machen, sondern auch die Bewegungen meines Geistes und das Ausschlagen der Emotionen zu beobachten, denn sie sind die „Blei- und Farbstifte“ die wir nutzen, um unsere innere Landkarte weiter zu gestalten. Wenn sie jedoch beginnt, mit Nadelstichen, ähnlich wie beim Tätowieren mit Giftstoffen, unter die Haut unserer Seele fixiert wird, kann unser Bewusstsein nicht mehr zwischen den Bildern hin- und herschalten, wie es mit dem SpringBild möglich ist.


Passt weiter auf euch auf 😷