logische Folgen

Es gibt Menschen, die sind nicht nur am falschen Ort, sondern halten sich auch unter falschen Menschen auf. Für sie sieht das Leben eine lange Odyssee vor. Bis sie am richtigen Platz landen und die richtigen Menschen an ihrer Seite sind, kann noch viel Zeit ins Land gehen.

Körperlich ist er schon fast mit mir auf Augenhöhe, dabei ist er erst 9 Jahre alt. Als 5jähriger – er verstand damals kaum die deutsche Sprache – nahm er das Training bei uns auf und war seid dem für jeden Trainer eine Herausforderung. Fast jeden Trainer trieb er zur Weißglut…trieb ihn fast zur Verzweiflung. Nahm er am Training nicht teil, war die Trainingsstunde ein Spaziergang und er verwandelte mit seiner Anwesenheit die Sporthalle in eine Fläche von Tretmienen. Ein falscher Blick und ungewollte Berührung und schon schob sich seine Faust schon wie allein dem anderen ins Gesicht.

“Mein Kopf sagt mir, ich soll das machen” erklärte er mir, wenn wir wieder mal ein Extragespräch wegen seines Fehlverhalten führen mussten. Erstaunlicher Weise konnte er sich schon als Winzling selber gut reflektieren. Alle seine “Ausraster” lösten Regelverstöße der anderen aus und daher waren seine Reaktionen – folgte ich seinen Gedankengängen – logisch und somit war sein Verhalten eine logische Folge des Vorfalls.

Eine Odyssee begann für ihn. Wir reichten ihn in die nächste Sportgruppe weiter – Erleichterung..wir hatten wieder Trainingsstunden, die einem Spaziergang glichen.

Wochen später tauchte er wieder auf, wollte wieder in seine alte Sportgruppe. “Hat es dir bei den anderen nicht gefallen ?” fragte ich ihn. “Ich war so unartig – haben sie gesagt und mich wieder nach Haus geschickt” Er ist wieder da und wir wollen ihn nicht wieder weg schicken und es folgten wieder zahlreiche Ausraster und Krisengespräche und immer, wenn ich der Sache auf den Grund ging, war er aus seiner Sicht im Recht  – er ging ihm wieder um ein Regelverstoß der anderen.

Dann verschwand er wieder und ich sah ihn mit einer Gitarre unter dem Arm. Die Eltern wollten neue Wege gehen. Wochen später war er wieder da. “Hat er dir nicht gefallen?” fragte ich ihn. “Ich war zu unartig haben sie gesagt” antwortet er mir und er nimmt das Training bei uns wieder auf. Es folgen wieder Ausraster und Gespräche und sogar Suspensionen für 14 Tage. Die Eltern ziehen wieder die Notbremse und gehen den medizinischen Weg. Er verschwindet wieder für Wochen und taucht dann wieder bei uns auf. Aus den wilden Stier ist ein artiger  und dicklicher Junge geworden. “Er war in der Klinik und muss nun Tabletten nehmen” “Ich bin jetzt immer artig?” schwor er uns und verzog sich hinter eine Maske des Faxen Machers

Wir übertragen ihm eine Aufgabe – er soll sich um einen Neuling kümmern und diese Aufgabe nimmt er erst. So..als würde ein Elefant ein Kleinkind hüten – so sieht seine Fürsorge aus. Obwohl wir – meine Kollegin und ich – diese Aufgabe nicht mehr erneuert haben, er sah sich immer noch in der Obhutspflicht für den Neuling. Wir haben ihn von dieser Aufgabe aber auch nicht offiziell entbunden.

Heut war es bei ihm mal wieder mal so weit. Was ich nur sah waren seine zusammengezogenen schwarzen Augen – er hat hellgrüne Augen – die auf einen kleinen Jungen gerichtet waren. Der lag schon am Boden und heulte laut auf. Der Vorgang sah aus, als hätte ein Hund ein schwarzes Schaf einmal ins Maul genommen und bei Seite geworfen. Das können wir nicht durchgehen lassen und er wird aufgefordert…die Trainingsstunde zu verlassen. Aber er ging nicht…drücke sich von einer Ecke in die andere – er wollte bei uns bleiben. Aber wenn seine gewaltige Energie ausbricht, dann bleibt kein Stein auf den anderen. Für die Kleinen der Trainingsgruppe zu gefährlich. Nachdem er die Halle nicht verließ – er tat mir leid, weil niemand ihn half – folgte wieder mal ein Gespräch Dabei kam raus, das jemand seinem Schützling zu nahe kam und er durch “knurren” darauf aufmerksam machte. Er ist in der Lage den Sekunden-Vorgang in jeder Einzelheit wieder zugeben und alle die Beweggründe seines Handelns zu erläutern. Der andere hörte oder verstand seine Warnung nicht und dann riss ihm der Geduldsfaden und er schlug den anderen zu Boden. Logisch…wir hatten ja vor Wochen gesagt..er solle den Neuen unter seine Fittiche nehmen und diese Aufgabe nahm er mehr als erst und ernte wieder einen Kritikhagel. Was hat er falsch gemacht? Mit Tränen in den Augen klebte er am Boden der Sporthalle und wollte nicht gehen. Er tat mir so leid..es ist so..als würde er in einer Sprache mit uns sprechen, die wir nicht verstehen. Er durfte am Ende das Spiel mit allen mitspielen und war wieder ein lieber Junge.

Bevor er die Sporthalle verlies, warf er die Hose seines Schützlings ins Waschbecken und drehte den Wasserhahn auf.

Ostseemaus

4 Gedanken zu “logische Folgen

  1. 'ne mama schreibt:

    Hilft es denn, wenn Ihr ihm kleinschrittige Anleitungen gebt, was er tun soll? Ich erlebte es so oft, dass Kindern mit inakzeptablem Sozialverhalten reihenweise „lass das“, „nun hör‘ doch auf“ „wie kannst du nur!“ etc übergehäuft wird – aber sehr, sehr selten, dass ihnen gesagt wird, was genau sie tun sollen. Basics – wie viel Abstand ist in welcher Situation angemessen. Welche Aktion erfordert welche Reaktion („er hat mich angeguckt, deshalb musste ich ihn niederschlagen“ – da ist das offensive Anstarren vielleicht ein Vergehen von Stärke 1, das Niederschlagen eine Reaktion von Stärke 10. Eine Reaktion von Stärke 1 wäre aber „He, guck‘ mich bitte nicht so an, mich nervt das.“ – das wäre angemessen.)
    „Mein Gehirn hat mir gesagt, dass ich das tun soll“ höre ich bei meinem Jüngsten auch manchmal. Ich erkläre ihm dann, dass er ein Gehirn hat, das in manchen Situationen lauter schreit als die Gehirne von anderen Kindern. Deshalb muss er sein Gehirn dann erst mal zur Ordnung rufen und ihm sagen, dass es erst einmal nachdenken soll. Und er muss selbst besser als andere Kinder aufpassen, dass er z.B. nicht in allzu trubelige Situationen kommt.
    Die Ursachen eines solchen Verhaltens sind eine Sache (Trauma, ADS, Wahrnehmungsstörungen, …) – sicher hilft es auch irgendwie, so etwas zu wissen. Ich mit meinem Laienverstand denke immer, es gibt Kinder, die haben Sozialverhalten irgendwie mitbekommen und andere, bei denen ist das nicht so. Und wie man einem Kind mit Matheschwäche am besten hilft, indem man bei den Basics anfängt und sehr kleinschrittig Stück für Stück aufbaut, so kann man, denke ich, auch Sozialverhalten Schritt für Schritt erklären und üben, sobald man sich von der Vorstellung befreit hat, das sei etwas, das alle Kinder irgendwie von selbst lernen. Auch wenn es immer ein Stück Sysiphosarbeit ist und das, was man einem einzelnen Kind innerhalb einer Gruppe vermitteln kann, nicht viel ist. Aber ein Teil davon wird sicher ankommen und mit Glück auch Früchte tragen.

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    • Hallo Ne Mama,

      ja..du sprichst von Geduld und so ein Kind wie dieses braucht sehr viel Geduld. Man sagt ja nicht umsonst, dass Eltern von ihren Kinderm lernem können – in seinem Fall ist es Geduld. Dieser Junge ist eine Herausforderung für jeden und immer wieder muss man prüfen, was vorgefallen ist. Und fast immer steht eine Provokation dahinter, der er ausgesetzt war. Die typische Hänselei der Kinder untereinander erträgt er nicht.

      Er braucht ganz klare überschaubare Regeln in einem überschaubaren Rahmen. Die Regeln müssen uneingeschränkt überwacht werden, damit er gleich eine Rückmeldung bekommen kann. Er selbst ist z.B: der perfekte Schiedsrichter. Bei ihm geht kein Regelverstoß durch. D.h. er zeigt ja..was er wirklich braucht, um zu wachsen.
      Statt dessen wird er mit den Sätze,,,die du aufgezählt hast, regelrecht bombadiert, meine Zurechtweisungen eingenommen. Entweder er lacht darüber oder er reagiert aggressiv , weil er es nicht mehr höen kann oder er hält sich die Ohen zu..weil er sich überfordert fühlt.

      Jetzt ist er 10 Jahre alt und fast so groß wie ich..d.h. es darf nicht mehr viel Zeit vergehen..um ihn in die richtige Bahnen zu lenken. Der Vater hatte es mit schlagen versucht, aber das macht ihn noch wütender. Die Mutter mit Geduld und das machte den Vater wütend. Möglicherweise ist der Vater ungeduldig und neigt zur Resignation. Der Junge erzählte mir am Donnerstag, dass sein Vater keine Arbeit hätte und noch immer kein Wort Deutsch sprechen kann, dabei leben sie schon viele Jahre in Deutschland. Die Mutter spicht gut Deutsch und hat einen Job.

      Achja..der Junge hat einen hohen IQ…ich glaube er lag bei einem Test weit über 100..das erzählten mir seine Erzieherin aus seinem Kindergarten.

      LG Ostseemaus

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  2. Das ist ein sehr interessanter Artikel. Ich interessiere mich für Psychologie und somit habe ich hier mit Erstaunen gelesen, etwas, was heutzutage leider keine Seltenheit ist. Ist es nun ADS oder steckt vielleicht sogar ein Trauma dahinter? Man kann erstmal nur vermuten, sich aber dennoch in die Gedanken dieses Jungen ein wenig hineinversetzen.
    Ein Thema also, welches mich sehr anspricht, weil ich mich gerne mit existentiellen Fragen auseinandersetze.
    Danke für diesen guten Beitrag.
    LG Martina

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    • Hallo Martina,

      danke…das du dich mit dem Thema beschäftigt hast.

      Tja..der Junge beschäftig mich auch sehr und ich kann keinen Weg finden, wie man ihn aus dem Labyrith führen kann. Heut gab es wieder so ein Gespräch in Folge eines Ausrasters. Und wieder musste ich ihm recht gegen – jemand hat ihn provoziert…nur das seine Reaktionen nicht angemessen ist..aber als 10 Jähriger ist er dazu gar nicht in der Lage.

      Das fatale ist nur, dass er so viel Energie hat….und diese bezieht er aus der inneren Wut. Er wurde gehänselt – er sei zu dick – und danach kam der Übergriff. Im Grunde zeigt er Probleme an, die in der Familie liegen. Einem energiegeladenen und impulsiven Kind sind wahrscheinlich auch die Eltern nicht gewachsen.

      Heut kam bei mir noch eine neuer Ekenntnis dazu.

      Die Familie kam vor Jahren aus Russland nach Deutschland.. Seine Mutter und er…sind intergiert und sprechen fließend Deutsch´, der Vater hat sich in der Wohnung verschanzt und kann auch kein Deutsch…was seine Isolation noch verstärkt.

      Ich denke..das der Junge die Wut des Vaters in sich trägt und diese nach außen bringt. Das bringt ihn täglich in Konflikte – in der Schule..in der Freizeit. Zu Hause streiten sich die Eltern, wie es mit ihm weiter gehen soll und das belastet ihn zusätzlich.

      Er ist ein intelligentes Kind und nimmt daher viel zu viel auf. Viele Eindrücke die er nicht verarbeiten kann. Ich kam heut nach dem Gespräch mit ihm zu dem Schluss, das er die Behandlung mit Ritalin (das hat ihn dick gemacht) nicht benötigt, er ist ein gesundes Kind ist – also kein ADS…denn er flogt schon seid Jahren alle Gespräche mit Verstand , ohne des es ihm an Konzentration mangelt. Der Konflikt und seine Zerissenheit kommen möglicherweise aus dem Elternhaus, der sich wahrscheinlich durch die Isolation des Vater stetig aufbaut. Falls der Vater sich gedemütigt fühlt..kann er das Gefühl auf seinen Sohn übertragen.

      “Jetzt schlägt mein Vater nicht mehr” sagte er mal so nebenbei – daraus schließe ich, das er vielleicht taumatisiert sein könnte. Es entwickelte sich daraus zum “Angstbeißer” und das löst wieder die Konflikte in der Trainingsgruppe – in der Schule und unter den Freunden aus. Heut klagte er indirekt, dass er keine Freunde hat und verzweifelt danach sucht.

      Meine Kollegin und ich – wir stehen ohnmächtig da…wir hätten Vorschläge, aber die Eltern sind bei Vorschlägen gegensätzlicher Meinung und das verschärft den Stess für den Jungen – er will nicht, dass seine Eltern sich streiten..

      Momentan fühlen wir uns beide ohnmächtig.

      LG Ostseemaus

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